Digitalisierung

Standpunkt: ver.di zum Thema Digitalisierung

Eingestellt: 4. September 2017 um 09:47   /   durch   /   Kommentare (0)

Die Digitalisierung schreitet immer schneller voran. Immer lauter werden dabei auch die Fragen nach den Rechten der Arbeitnehmer. Bei der Digitalisierung von Personalverwaltungsprozessen zum Beispiel geht es um hochsensible Daten. Sind diese Daten ausreichend geschützt? Diese und ähnliche Fragen beantwortet Karl-Heinz Brandl, Bereichsleiter Innovation und Gute Arbeit bei der ver.di-Bundesverwaltung Berlin.

Ist die Digitalisierung im Hinblick auf die Rechte der Arbeitnehmerin/des Arbeitnehmers ein Thema, mit dem sich die Gewerkschaften beschäftigen?

Karl-Heinz Brandl: Die Digitalisierung verändert die Arbeitsplätze in der Wirtschaft und im Dienstleistungssektor tiefgreifend. Gerade die Dienstleistungsbranchen gehören zu den Spitzenreitern der hoch digitalisierten Wirtschaftsbereiche. Deshalb beschäftigt sich ver.di schon seit langem sehr intensiv mit dem Thema Digitalisierung. Der ver.di Bundesvorstand hat bereits 2014 dazu eine gewerkschaftliche Erklärung: „Gute Arbeit in Zeiten des digitalen Umbruchs!“ veröffentlicht (weitere Informationen unter https://www.verdi.de/themen/digitalisierung).

Denn die Digitalisierung hat zwei Seiten: Ihre faszinierenden Möglichkeiten und eminenten Risiken, die neue Schutzbedürftigkeit und die Hoffnungen abhängig Erwerbstätiger auf Freiheit und Sicherheit in der digitalen Welt. Für ver.di liegt die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre darin, die unübersehbaren Risiken des digitalen Umbruchs zu bewältigen und gleichzeitig dessen große Chancen für soziale und humane Innovation auszuschöpfen, um Gute Arbeit und Gute Dienstleistungen zu sichern, und so die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum zu verbessern.

Welche Rechte der Arbeitnehmerin/des Arbeitnehmers müssen Arbeitgeber, insbesondere bei der Digitalisierung von HR-Prozessen, beachten?

Karl-Heinz Brandl: Damit diese Veränderung durch Digitalisierung im Interesse der Beschäftigten gut gestaltet werden kann, ist es notwendig, dass Mitbestimmung z. B. auch in internationalen Unternehmens- und Konzernstrukturen gewahrt wird. Bei der Mitgestaltung digitaler Change-Prozesse ist eine wichtige Voraussetzung, dass die gewählten Vertreter der Beschäftigten – ihre Betriebs- und Personalräte – „auf Augenhöhe“ mit dem Management eingebunden werden. Gerade bei Digitalisierungsprojekten im HR-Bereich sind die Persönlichkeitsrechte (Datenschutz etc.) durch Big Data-Anwendungen oft stark gefährdet. Hier gilt es beteiligungsorientiert mit den Beschäftigten und deren Interessensvertretungen praktikable Lösungen zu finden.

Und Digitalisierung eröffnet Spielräume für mehr Selbstbestimmung (mobile working, agiles Arbeiten, etc.) für unsere Kolleginnen und Kollegen. Diese gilt es abzusichern und im Arbeitsalltag wirksam werden zu lassen. Letztendlich geht es darum, die Potenziale für mehr Demokratie in Betrieben, Unternehmen und Verwaltungen auszuschöpfen.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Begleitung von Digitalisierungsprojekten gesammelt, haben Arbeitgeber die Rechte der Arbeitnehmerinnen/der Arbeitnehmer berücksichtigt?

Karl-Heinz Brandl: Die bis dato gesammelten Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Von sehr guten Vereinbarungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zum mobilen Arbeiten, zur Qualifizierung, zum Belastungsschutz bis hin zur Beschäftigungssicherung erleben wir auch die negativen Seiten mit Personalabbau, Ausbau von Leistungs- und Verhaltenskontrolle bis hin zur Verlagerung von Tätigkeiten an Selbstständige (crowdsourcing).

Welchen Ratschlag haben Sie für Arbeitnehmer bzw. Arbeitnehmervertretungen, in deren Unternehmen Digitalisierungsprojekte mit HR-Bezug umgesetzt werden?

Karl-Heinz Brandl: Wichtig für unsere Kolleginnen und Kollegen ist, die Beschäftigungsfähigkeit sicherzustellen. Einerseits muss die Bereitschaft für ein „lebenslanges Lernen“ der Beschäftigten bestehen, andererseits müssen entsprechende Ressourcen (Geld, Zeit und passende Weiterbildungsangebote) in den Betrieben und Verwaltungen zur Verfügung gestellt werden.

Bestehende Schutzrechte sollten bei anstehenden Veränderungsprozessen konsequent eingefordert werden. Eine starke Interessensvertretung und viele Gewerkschaftsmitglieder können dabei viel bewirken und erreichen – die Praxis zeigt uns das tagtäglich.

Darüber hinaus braucht es eine Humanisierungsoffensive, also verbindliche Gefährdungsbeurteilungen, ein Beschäftigtendatenschutzgesetz, ein Recht auf Nichterreichbarkeit, ein Recht auf Telearbeit, usw. Forderungen, die wir als ver.di auf die politische Agenda im Rahmen des Weißbuch Arbeit 4.0 des Bundesarbeitsministeriums gesetzt haben.

Welchen Einfluss haben die Änderungen im deutschen Datenschutzrecht, die im Mai 2018 in Kraft treten, für HR-Digitalisierungsprojekte?

Karl-Heinz Brandl: Wie bisher sind die Persönlichkeitsrechte der Beschäftigten zu schützen. Es stellt ein Grundrecht gemäß Art. 1 und 2 des Grundgesetzes dar. Das neue Datenschutzrecht (DSGVO sowie das BDSG-Neu) setzt weiterhin auf die Erforderlichkeit bzw. Verhältnismäßigkeit der Datenverarbeitung sowie auf die Zweckbindung der Daten im Beschäftigungskontext. Die Gesetzesgrundlagen sind leider sehr komplex und schwer verständlich. Von daher sind weiterhin Anstrengungen notwendig, im Interesse von allen gute Lösungen zu finden. Deshalb werden wir uns aktuell an einem Forschungsprojekt zum Thema Arbeitnehmerdatenschutz beteiligen. Hierbei soll ein Index Arbeitnehmerdatenschutz entwickelt werden, mit dem das im Betrieb oder an einzelnen Arbeitsplätzen jeweils erreichte Schutzniveau der Arbeitnehmerdaten gemessen, vor dem Hintergrund der gesetzlichen Vorschriften bewertet und als Index-Wert dargestellt werden kann. Nutzbar sein soll das Tool für das zuständige Management, Datenschutzbeauftragte, Interessenvertretungen, Datenschutzberater sowie für die einzelnen Beschäftigten selbst.

 

Bild: Karl-Heinz Brandl/ver.di

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