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Garantiezins in der Lebensversicherung: Im Sinkflug. Das sagen die Experten.

Eingestellt: 24. Mai 2016 um 10:14   /   durch   /   Kommentare (0)

Erneut Wirbel um die Lebensversicherung. Das anhaltend niedrige Zinsniveau sorgt seit Monaten für Unruhe und Kritik. Kein Wunder, wird es doch für Versicherer immer schwieriger kostendeckende Renditen für des Deutschen liebstes Vorsorgekind zu erwirtschaften. Nun reagiert offenbar das Bundesministerium für Finanzen und stellt eine erneute Senkung des offiziell als Höchstrechnungszins bezeichneten Zinssatzes von 1,25 auf nunmehr 0,9 Prozent zum Jahresstart 2017 in Aussicht. Doch was bedeutet die erneute Absenkung für diesen Vorsorgeweg und wie könnte es weitergehen? Wir haben einen kurzen Überblick einiger Expertenmeinungen für Sie zusammengestellt.

Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des BdV: „Eine weitere Senkung des Höchstrechnungszinses bedeutet für viele Neuverträge, dass die garantierte Leistung ohne Überschüsse zu einer Negativrendite führt.“ Dies betrifft laut BdV neben privat gesparten Lebens- und Rentenversicherungen auch staatlich geförderte Verträge zur Altersvorsorge. Auch die Absicherung existenzieller Risiken verteuert sich, etwa bei Berufsunfähigkeits- und Risikolebensversicherungen. Als ein gravierender Effekt dieser Zinssenkung sind zudem sozialpolitische und gesamtgesellschaftliche Verwerfungen zu befürchten. „Sowohl die Bereitschaft als auch die Möglichkeiten für Eigenvorsorge werden durch die Zinssenkung deutlich geschwächt“, betont Kleinlein. Von der Senkung des Höchstrechnungszinses sollte das Bundesfinanzministerium daher absehen und über gebotene Alternativen nachdenken. „Das Kurieren an Einzelsymptomen würde nur die Versicherungskunden schlechterstellen, ohne die Versicherungsunternehmen nachhaltig zu entlasten“, erklärt Kleinlein.

Hans-Peter Bauder, Head of Business Development Pension, KAS BANK sieht in der Entwicklung hingegen mehr eine Chance für die angeschlagene Lebensversicherung, die die Möglichkeit zu neuen Produktlösungen ebnen könnte: „Wir halten prinzipiell auch eine Abschaffung des gesetzlichen Höchstrechnungszinses für größere Versicherer, die der Solvenz II-Regulierung unterliegen, für denkbar. Die neuen Eigenkapitalanforderungen unter Solvenz II sollten tendenziell ausreichen, um eine individuelle Festlegung des Rechnungszinses einzelner Versicherer zu rechtfertigen. Dies könnte dazu führen, der klassischen Lebensversicherung, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen, neues Leben einzuhauchen und die dringend benötigte Bereitschaft der Deutschen zur sicherheitsgetrieben Altersvorsorge zu unterstützen.“

Dr. Jürgen Bierbaum, Mitglied des Vorstands ALTE LEIPZIGER Lebensversicherung aG, verweist unterdessen auf die immer noch ansehnlichen Renditen der Lebensversicherungen, angesichts des dramatischen Umfeldes und spricht sich auch für Garantieprodukte in der Zukunft aus: „Ein Garantiezins von 0,9% läge heute deutlich über der Verzinsung von lange laufenden Bundesanleihen. Er wäre also im aktuellen Kapitalmarktumfeld immer noch attraktiv. Ein Garantiezins ist nur ein Sicherheitsnetz. Die tatsächliche Verzinsung, die Kunden gutgeschrieben wird, liegt derzeit ca. 200 Basispunkte über dem Garantiezins. Der vom BMF angestrebte Umstellungszeitpunkt 1.1.2017 ist für eine erfolgreiche Umstellung im Unternehmen zeitlich zu knapp bemessen. Als erfolgreicher Maklerversicherer wissen wir aus vielen Gesprächen mit unseren Geschäftspartnern, dass Sicherheit und langfristige Planbarkeit der Altersvorsorge für viele Kunden an erster Stelle stehen. Unsere exzellente Ausstattung mit Eigenmitteln ermöglicht es uns, auch nach dem 1.1.2017 Lebens- und Rentenversicherungsprodukte für Privatkunden und in der betrieblichen Altersversorgung mit garantiertem Zins anzubieten.“

Einen anderen Blickwinkel auf die Entwicklung nimmt Gisbert Schadek, Vorstand Entgelt & Rente AG, ein und mahnt endlich die Vorsorgediskussion auf neue Beine zu stellen: „Die Pläne zeigen einmal mehr, dass wir eine völlige Neuorientierung in der derzeitigen Diskussion brauchen. Auf die Trendwende zu warten und wie gehabt weiter zu machen, funktioniert nicht. Die Menschen sind verständlicherweise zutiefst verunsichert. Schon jetzt zeigen Studien eindeutig eine Resignation in breiten Teilen der Bevölkerung. Wir müssen deshalb nicht über Garantien, sondern über lebensnahe und  kostengünstige Verwaltung und Anlage von Vorsorgevermögen sprechen. Zudem brauchen wir endlich mehr Transparenz und Information für Bürger und Unternehmer. Die Arbeitnehmer brauchen einen realistischen Überblick über alle Säulen der Altersversorgung auf die tatsächlich zu erwartende Leistung und den dafür zu erbringenden Konsumverzicht. Gelingt uns das nicht, laufen wir sehenden Auges in eine gesellschaftliche Katastrophe. Dank Digitalisierung haben wir hier längst alle Möglichkeiten jedem Bürger ein anbieterunabhängiges Rentenkonto zur Verfügung zu stellen. Dies kann sowohl Verwaltung und Anlage umfassen und würde sich den inzwischen immer flexibleren Erwerbsbiographien anpassen und mit Informationen und Aufklärung wichtige Orientierung bieten. Dabei würden weder Beratung, die immer notwendig sein wird, noch bestehende Vorsorgemöglichkeiten, die grundsätzlich auch alle ihre Berechtigung haben, außen vor blieben.“

 

Foto: Dr. Wolfgang Schäuble; Bundesfinanzminister
© Ilja C. Hendel; Quelle: Bundesministerium der Finanzen

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