bAV in Unternehmen

„bAV verstärkt für die Mitarbeitergewinnung und -bindung nutzen“

Eingestellt: 2. Mai 2016 um 11:12   /   durch   /   Kommentare (0)

Die Carl Zeiss AG hat für ihre neue Pensionsordnung „VO 2015“ den Deutschen bAV-Preis 2016 in der Kategorie „Großunternehmen“ erhalten.

Die neue Versorgungsordnung ist am 01. Oktober 2015 in Kraft getreten. Mit dem neuen System hat ZEISS insbesondere auf die Entwicklung der Finanzmärkte und das geänderte Zinsumfeld reagiert. Gegen den Trend vieler Versorgungswerke wurden aber sowohl das Rentenbausteinsystem als auch die vollständige Arbeitgeberfinanzierung mit unternehmenseigenem CTA beibehalten.

Aus diesem Anlass fand das folgende Interview mit Jochen Funk, zuständig für betriebliche Altersversorgung bei der Carl Zeiss AG, statt.

 

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Jochen Funk, ZEISS – bAV-Preis 2016

dbr: Herr Funk, bitte beschreiben Sie kurz: Was macht die Carl Zeiss AG?

JF: Die ZEISS Gruppe zählt zur optischen und opto-elektronischen Industrie. Zu den Tätigkeitsbereichen gehören die Halbleiterindustrie, die Medizintechnik, die industrielle Messtechnik, die Mikroskopie, die Brillenglasherstellung sowie Foto- und Filmobjektive, Ferngläser und Planetariumsoptik.

Hauptsitz ist Oberkochen auf der Ostalb. Die weiteren, größeren Standorte in Deutschland sind Jena, Aalen, München, Wetzlar, Göttingen und Berlin. Wir haben weltweit ca. 25.000 Mitarbeiter, davon etwas weniger als die Hälfte in Deutschland. Wir sind ein Stiftungsunternehmen, die ZEISS Gruppe gehört zu hundert Prozent der Carl-Zeiss-Stiftung, lediglich die Medizintechnik ist zum Teil börsennotiert.

 

dbr: Wer sind die typischen Angestellten bei ZEISS?

JF: Wir sind stark naturwissenschaftlich geprägt, viele Physiker, Chemiker, Mathematiker und Ingenieure. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung kamen und kommen noch vermehrt Softwareingenieure und IT-Spezialisten dazu.

 

dbr: Wie würden Sie Ihre Personalpolitik charakterisieren?

JF: Aufgrund der Historie ist das Unternehmen noch immer geprägt durch die Stiftung und das Stiftungsstatut, das auf alle Bereiche, auch auf die Personalstrategie einwirkt. ZEISS ist sicherlich als sozial denkendes Unternehmen einzustufen.

Natürlich ist die Personalstrategie aber auf der anderen Seite stark von der Unternehmensstrategie abhängig, die sich in den Schlagwörtern „modern“, „gobal“ und „dynamic“ widerspiegelt. Wenn man das auf das Thema der bAV runter bricht, steht hier der Begriff „dynamic“ im Fokus.

Letzter großer Einflussfaktor sowohl für die Unternehmens- als auch die Personalstrategie ist unsere Marke, also was die Menschen mit ZEISS verbinden.

 

dbr: Wie wirkt sich das Schlagwort „modern“ aus?

JF: Die Stoßrichtung in diesem Zusammenhang lautet: Digitalisierung. Im Recruiting wird viel getan, Social Media ist dort ein großes Thema. Aber auch für das Thema bAV suchen wir nach Möglichkeiten über digitale Lösungen den aktuellen und zukünftigen Mitarbeitern mehr Angebote zur Verfügung zu stellen. Für die neue Versorgungsordnung haben wir beispielsweise einen speziellen Online-Rechner entwickelt. Digitalisierung steht ganz oben auf der Agenda.

 

dbr: Welche Bedeutung hat die betriebliche Altersversorgung in der Personalstrategie, z.B. für das Employer Branding?

JF: Eine stark wachsende. Wir sehen unter anderem an Studien, dass bAV im Bereich Benefits oft an erster Stelle genannt wird, sowohl von Männern als auch von Frauen.  Hinzu kommt das aktuelle politische Umfeld, die gesellschaftliche Relevanz, die das Interesse der Menschen am Thema Altersvorsorge steigen lässt. Das war lange Zeit nicht so. Aus diesem Grund ist es bei ZEISS ein  klares Ziel, das Thema bAV noch mehr für die Mitarbeitergewinnung und Mitarbeiterbindung zu nutzen. Deshalb freuen wir uns auch über den Erfolg beim bAV-Preis.

Dieser Trend wird uns auch von unseren Personalverantwortlichen bestätigt. Inzwischen fragen immer mehr Bewerber nach bAV Leistungen. Hier können wir uns von anderen Unternehmen abheben.

 

dbr: Was waren die Auslöser für die Neugestaltung der bAV?

JF: Der größte Handlungsdruck kam natürlich durch das Zinsumfeld. Wir bilanzieren nach IFRS. Hier lag der Diskontierungszins für unsere Pensionsverbindlichkeiten und unsere jährlichen Pensionskosten nur noch knapp über zwei Prozent – und unser altes Pensionsmodell hatte eine garantierte Verzinsung von sechs Prozent.

Das passte nicht mehr zusammen und so sind die Kosten stark angestiegen. Diese Aufwände für die bAV fehlten dann an anderer Stelle für Investitionen.

 

dbr: Die Mitarbeiter bekommen Direktzusagen?

JF: Richtig, wir hatten Direktzusagen und wir sind auch dabeigeblieben. An dieser Stelle hat sich nichts geändert. Wir unterscheiden auch nicht nach Mitarbeitergruppen. Alle Mitarbeiter werden sowohl im alten als auch im neuen Pensionsmodell dahingehend gleichbehandelt.

 

dbr: Wie sind Sie bei der Neuentwicklung vorgegangen?

JF: Zunächst sind wir an den Aufsichtsrat herangetreten und haben diesen informiert, dass wir ein paar Änderungen planen. Grundsätzlich muss der Aufsichtsrat zustimmen, wenn wir bei den Pensionen Änderungen vornehmen.

Direkt im Anschluss haben wir den Konzernbetriebsrat informiert und eingebunden. Das war ein ganz entscheidender Schritt für die gesamte Dauer der Verhandlungen. Wir haben immer eng zusammengearbeitet. Das hat uns auch gegenüber der Belegschaft sehr geholfen, als wir um Verständnis für unsere Ideen geworben haben.

 

dbr: Wie haben Sie den Mitarbeitern die neue Versorgungsordnung und die damit verbundenen Änderungen erklärt?

JF: Die Mitarbeiter wussten, auch aus dem Privatbereich, dass die Zinsen am Boden waren und immer noch sind und dass gleichzeitig ZEISS sechs Prozent garantierte. Wir haben sehr transparent dargestellt, was in den letzten Jahren auf Seite der Kosten und den Pensionsverbindlichkeiten geschehen ist. Da gab es viel Verständnis für unser Vorgehen. Uns hat auch der Betriebsrat sehr geholfen, indem er das Thema auf den Betriebsversammlungen dargestellt hat und glaubhaft vermitteln konnte, dass sie sehr genau hinsehen werden, welche Änderungen geplant sind. Bei allem Einsatz für die Belange der Mitarbeiter wollte auch von deren Seite niemand, dass durch die stark gestiegenen Kosten die bAV dem Unternehmen die Richtung vorgibt, statt umgekehrt.

 

dbr: Haben Sie auch Berater dazu geholt?

JF: Nein, nicht für das Konzept. Erst später für aktuarielle Tätigkeiten. Der Betriebsrat hat sich fairerweise Unterstützung geholt, von der IG Metall, einem Anwalt und auch von einem Wirtschaftsprüfer. Alle waren in den Verhandlungen dabei.

 

dbr: Welche Fragen wurden in diesem Rahmen diskutiert?

JF: Zunächst musste im Detail dargelegt werden, warum wir Änderungen vornehmen möchten, was wir genau vorhatten bzw. ob man das Zinstief nicht auch einfach durchstehen könnte. Das waren so die ersten Fragen.

Als die Entscheidung grundsätzlich akzeptiert war, haben beide Seiten erklärt, welche Punkte jeweils entscheidend sind. Das war zum einen das Thema Transparenz und zum anderen das Thema Planbarkeit. Das war letztlich auch der Auslöser, warum wir bei dem Rentenbausteinsystem geblieben sind, was viele andere Unternehmen nicht mehr anbieten. Zudem haben wir auch an einem garantierten Zins festgehalten.

Auf der anderen Seite war klar, wir brauchen erheblich mehr Flexibilität und wir brauchen eine Möglichkeit, auf dieses neue Umfeld, sowohl was Zinsen aber auch was zum Beispiel Langlebigkeit betrifft, besser reagieren zu können.

 

dbr: Wie funktioniert ihr „Rentenbausteinsystem“?

JF: Wir haben sowohl im alten als auch im neuen Modell eine beitragsorientierte Leistungszusage, verbunden mit einem Rentenbausteinsystem. Wir rechnen den Beitrag, den wir für den einzelnen Mitarbeiter einbringen, sofort in einen festen Rentenbaustein um, bei dem eine Lebenserwartung und eine garantierte Verzinsung hinterlegt sind. Dieser Rentenbaustein bleibt dann so bis zum Rentenbeginn erhalten. Daraus ergibt sich eine gute Planbarkeit, sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer. Am Ende summieren sich dann alle Rentenbausteine, die man über die Jahre seiner Tätigkeit erworben hat, auf die monatliche Pension.

 

dbr: Und wie funktioniert der flexible Anteil?

JF: Flexibel ist zunächst einmal die Beitragshöhe, die sich zum einen nach dem individuellen Einkommen des Mitarbeiters richtet und zum anderen nach dem Unternehmenserfolg. Durch letzteren kann der Beitragssatz zwischen einem Prozent (min.) und fünf Prozent (max.) liegen. Durch diesen großen Hebel profitieren alle Mitarbeiter auch im Rahmen der bAV vom gemeinsamen Erfolg der ZEISS Gruppe.

Der Faktor 5 ist auch eine Änderung zum alten System. Da waren maximal vier Prozent möglich. In den letzten zehn Jahren hatten wir fünfmal diesen Maximalbeitrag erreicht. In den letzten drei Jahren war das zwar nicht mehr der Fall, aber wir können schon zeigen, dass es realistisch und damit attraktiv ist.

Der Beitrag wird dann sofort in einen Rentenbaustein umgerechnet, mit Hilfe eines altersabhängigen Verrentungsfaktors, der je nach Zinsniveau ebenfalls flexibel ist.

 

dbr: Wie genau berechnen Sie den Faktor?

JF:   Ein Verrentungsfaktor ergibt sich vor allem aus einer unterstellten Lebenserwartung und einem unterstellten Zinssatz. Für die Lebenserwartung, und weiteren Lebensereignissen wie zum Beispiel einer möglichen Invalidität, verwenden wir die aktuellen Heubeck Richttafeln 2005 G. Für den Zinssatz betrachten wir den IFRS Rechnungszins für unsere Pensionsverbindlichkeiten am Ende des letzten Geschäftsjahres.  Daraus ergibt sich, über ein Korridormodell mit vier Korridoren, welche Verrentungstabelle zur Anwendung kommt. Wir haben vier Verrentungstabellen. Die  größte, wie bisher mit sechs Prozent gerechnet, kommt zur Anwendung, wenn der IFRS Zins bei mindestens 4,5 Prozent liegt. Die zweite, mit 4,5 Prozent gerechnet, kommt zur Anwendung, wenn der IFRS Zins zwischen 3,0 und 4,4 Prozent liegt. Dann haben wir eine drei Prozent Tabelle für einen IFRS Zins zwischen einem Prozent und 2,9 Prozent, die aktuell zur Anwendung kommt. Die letzte, wenn der IFRS Zins unter ein Prozent fällt, ist die Garantietabelle und mit 1,5 Prozent gerechnet.

Durch diese Aufteilung in Korridore ergibt sich im Schnitt ein attraktiver Zinsaufschlag von knapp unter einem Prozent, im Vergleich zum IFRS Zins, der ja auch schon höher ist als andere Marktzinsen.

 

dbr: Welche zusätzlichen Änderungen gab es noch?

JF: Bezüglich der Lebenserwartung haben wir vereinbart, dass neue Heubeck Richttafeln, sollten welche veröffentlicht werden, innerhalb von drei Jahren für unser System übernommen werden.

Außerdem bewerten wir die Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze der Rentenversicherung nicht mehr dreifach, sondern nur noch mit dem Faktor 2,5. Im Gegenzug haben wir ein Mindesteinkommen definiert. Wenn Mitarbeiter weniger verdienen, werden sie aus Sicht der bAV auf dieses Mindesteinkommen aufgestockt. Das Mindesteinkommen liegt immerhin in etwa auf Höhe des Durchschnittsentgelts der Deutschen Rentenversicherung.

Weiterhin haben wir befristete Arbeitsverhältnisse mit in die Zusage genommen. Wenn Mitarbeiter unbefristet übernommen werden, haben sie so erheblich schneller die Unverfallbarkeit erreicht. Und wir haben für das neue Modell das Mindestalter von 20 Jahren gestrichen. Das heißt, auch junge Auszubildende würden jetzt zum Beispiel schon mit sechzehn Jahren Rentenbausteine erhalten.

 

dbr: Gibt es im Modell auch Anbindung an Berufsunfähigkeit oder Gesundheitsthemen?

JF: Generell haben wir Alters-, Hinterbliebenen- und Invalidenrenten zugesagt. Darüber hinaus ist es möglich über ein zweites Modell, das über Deferred Compensation in der Entgeltumwandlung stattfindet, eine hohe BU über gute Gruppenkonditionen abzusichern.

dbr: Wie finanzieren sie ihre Betriebsrente?

JF: Wir haben ein unternehmenseigenes CTA (Anm: Contractual Trust Arrangement, Treuhandauslagerung der Pensionsverpflichtung), darüber sind alle aktiven Arbeitnehmer abgesichert. Das CTA wird gleich zu Beginn des Geschäftsjahres direkt mit den Servicekosten dotiert und die Betriebsrente wird dann darüber finanziert.

 

dbr: Wie legen Sie das Geld an? Wie erwirtschaften Sie die nötigen Renditen?

JF: Wir haben einen externen Partner, Allianz Global Investors, der von uns aber natürlich Vorgaben erhält. Das ist  stark diversifiziert. Wir nutzen Anleihen, Aktien, Private Equity,  … Das ist schon ein bisschen angepasst worden, um höhere Renditen zu erzielen, aber ohne es zu übertreiben.

 

dbr: Viele Arbeitgeber wollen keine Garantie mehr geben. Das war aber nie eine Idee bei ZEISS diese abzuschaffen?

JF: Es gab schon die eine oder andere Stimme in diese Richtung. Ein Stück weit haben wir das Risiko in Richtung Arbeitnehmer verschoben, aber bei weitem nicht so wie andere Unternehmen. ZEISS übernimmt noch immer erhebliche Garantien und damit Risiken und ist dazu aber auch bereit.

 

dbr: Lohnt sich die Betriebsrente trotzdem für ZEISS?

JF: Ja, ganz klar. Hinzu kommt, dass dies im Stiftungsstatut enthalten ist: Mitarbeiter erhalten eine Altersversorgung. Wie diese aussieht, ist nicht näher definiert und heutzutage gilt auch Entgeltumwandlung als Altersversorgung. Aber grundsätzlich wird es bei ZEISS auch auf lange Sicht eine Altersversorgung geben.

Wir möchten das Thema zukünftig auch verstärkt für die Mitarbeitergewinnung und -bindung nutzen, deshalb sind wir auch massiv in die Kommunikation gegangen, und werden das auch weiterhin tun. Wir möchten den Mitarbeitern noch deutlicher zeigen, was in der bAV jedes Jahr aufgewendet wird und was wir an Renten auszahlen. Das sind Größenordnungen, die für sich sprechen.

 

dbr: Welche Medien haben Sie zur Mitarbeiterinformation eingesetzt und was planen Sie noch?

JF: Zunächst haben wir ein kleines Booklet, speziell auf den Arbeitnehmer zugeschnitten, entworfen, in dem die neue Versorgungsordnung erklärt wird. Inklusive einer Tabelle, in der jeder ablesen kann, was am Ende herauskommen kann. Dieses Booklet können auch Personaler im Gespräch mit neuen Bewerbern nutzen.

Danach haben wir einen Onlinerechner aufgesetzt, den sowohl aktive als auch zukünftige Mitarbeiter nutzen können. Dort kann, in den jeder seine Kennzahlen, wie Gehalt etc. eingeben kann und in dem dann die Ergebnisse zu allen Verwendungstabellen angegeben werden. Wir haben einen Mittelwert angegeben, der eventuell realistisch ist, damit man ein Gefühl dafür bekommt, wohin es gehen kann.

 

dbr: Wird der aktuelle Online-Rechner genutzt?

JF: Die Rückmeldungen, die wir bekommen sind immer Einzelrückmeldungen, aber ja, er wird auf jeden Fall genutzt. Wir hatten hierzu mit den jährlichen Kontoauszügen auch noch ein Beiblatt verschickt, auf dem auf den Rechner hingewiesen und auf dem der Rechner auch erklärt wurde.

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