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Raus aus der Expertenfalle – bAV fängt nicht beim Produkt an

Eingestellt: 22. April 2016 um 16:36   /   durch   /   Kommentare (1)

Die tausend Seufzer der Erleichterung konnte man förmlich spüren. Finanz- und Arbeitsministerium haben endlich die ersehnten und die mutmaßlich heilbringenden Studien zur betrieblichen Altersvorsorge veröffentlicht.

Schon in den Wochen zuvor wurde immer deutlicher, dass es einen Ruck geben soll bei der Förderung von Geringverdienern, dass das Modell der Tarifrente noch immer für das BMAS in der Pole Position stand, wenngleich man sich eilig bemühte zu erwähnen, dass auch alle bereits existierenden Wege Ihre Vorteile hätten, gemäß dem Motto: Ich bin ok, Du bist ok. Und auch für einen leicht euphemistisch „umgekehrte Freiwilligkeit“ genannten Weg, sprich Zwangsteilnahme mit einer Opting Out Möglichkeit, wurde nach wie vor der Weg bereitet. Über allem schwebten dabei die immer gültigen Ansprüche an mehr Transparenz, weniger Bürokratie, einfachere Abwicklung und Rahmenbedingungen auf der steuerlichen, unternehmerischen und bilanziellen Seite und (kurzer Tusch „tatatata“) mehr Kommunikation.

Und während es bei den fachlichen Themen auch viele Empfehlungen und Diskussionen gab, ob nun ein Abzugsvertrag für die bAV ähnlich des Investitionsabzuges Sinn macht oder ob die Riesterförderung auf diese oder jene Weise geändert werden sollte, bleibt die Diskussion um die immer so gern geforderte „richtige Kommunikation“ aus.

Warum? Schaut man sich die Aussagen der Studie von Prof. Kiesewetter an, so fällt auf, dass es einen ganz schlichten Grund gibt, warum es bei KMU, unabhängig von magischen Neuregelungen in der steuerlichen Gesetzgebung, vermutlich auch dann nicht zu einem Boom der bAV kommt. Nein, das liegt nicht an der Haftung und nein, das liegt auch nicht an der Niedrigzinsphase. Es liegt daran, dass bAV unbekannt ist.

Betriebliche Altersvorsorge ist für KMU kein Thema. Zum einen, weil sie schlicht nichts darüber wissen. Deshalb wird hier auch ein weiterer goldener Kelch hinter einer unsichtbaren Tür nichts bringen. Hier muss erst mal die Tür sichtbar gemacht werden und dafür muss man dem Unternehmer im Labyrinth seiner täglichen Arbeit Leitung und Hilfe an die Hand geben, damit er diesen Weg findet. Denn, damit komme ich zum Zweiten: Der typische Unternehmer in einem Betrieb bis 10 Angestellte beispielsweise hat defacto kaum Zeit und immer mindestens zwei Themen, die wichtiger scheinen und nicht selten auch sind. Dieser Unternehmer versucht, im Labyrinth nicht verloren zu gehen. Er entscheidet sich eben nicht gegen Haftung oder gegen einen Arbeitgeberzuschuss usw. Er entscheidet nicht, weil es kein Thema ist.

Agendasetting und Storytelling

Jetzt klingt das so, als ob ich den Faden der Ariadne bereits in der Tasche hätte und genau wüsste, wie man diesem Unternehmer den Weg zur goldenen Betriebsrententür legt, so dass er folgt, hindurchgeht und glücklich wird. Habe ich auch, zumindest teilweise.

Prof. Kiesewetter spricht von mehr Kommunikation über unabhängige Institutionen und Plattformen. Damit meint er im Speziellen z.B. Steuerberater etc., die das Vertrauen der Unternehmen genießen und hier als positive Multiplikatoren fungieren können. Das ist sicher richtig und wichtig – aber es reicht nicht. Es wird nicht überraschen, aber aus meiner Sicht braucht es genau das, was wir mit der Initiative Deutsche Betriebsrente vorhaben und umsetzen. Wir brauchen konstruktives Agendasetting und unternehmensnahes Storytelling. Diese Begriffe, tief aus der PR-Buzzwordkiste herausgegriffen werden den Unterschied machen.

Denn bAV ist, wie viele andere Themen, vor allem mit steigender Arbeitgeberbeteiligung, ein viel emotionaleres Thema, als es gemeinhin dargestellt wird. Die Unternehmensgespräche und Interviews, die wir für die Deutsche Betriebsrente führen, zeigen, dass es in erster Linie eine Frage der Werte und der Kultur des Unternehmens oder Unternehmers ist, ob die Verantwortung für die Altersvorsorge der Mitarbeiter die Relevanzschwelle überschreitet. Wenn Sie es tut und klar wird, dass es notwendig ist, hier aktiv zu werden, scheitert es auch nicht an den, scheinbar nicht optimalen, aktuellen Regelungen.

Deshalb sollten wir in der Betrachtung zunächst einmal mindestens zwei Schritte zurücktreten und uns klarmachen, dass bAV eben nicht beim Produkt oder der Erstellung der Steuererklärung anfängt.

Verantwortung und Altersvorsorge

Betriebliche Altersvorsorge ist eng verbunden mit unternehmerischer Verantwortung, neudeutsch Corporate Social Responsibility, und Nachhaltigkeit, die sich auf der Basis von Unternehmenswerten und Kultur entwickeln können.

Interessanterweise ist das auch ein Bereich bei dem sich das BMAS verantwortlich zeichnet und zum Teil erstaunlich ähnliche Probleme hat Unternehmen zu erreichen und zu begeistern. Hier ließen sich Synergien nutzen und Themen auch gemeinsam vorantreiben.

Wer antworten will, muss auch Fragen stellen

Nun habe ich vorhin gesagt, ich habe nur teilweise einen Lösungsvorschlag. Der Grund liegt darin, dass es vermutlich mehr Erkenntnisse über die Tiefsee gibt, als über das Wissen, die Einstellungen und die Motivation von Unternehmen zu den hier relevanten Themen. Ich bin nicht der Erste, aber ich möchte es gern wiederholen. Die bisherigen Gutachten haben hier ein nur marginales Licht auf die Hintergründe geworfen und sich wie immer an fachlichen und technischen Dingen abgearbeitet. Wir brauchen hier viel mehr sozialwissenschaftliche Forschung, um wirklich zu verstehen, was Unternehmer hier bewegt und wie sie solche und vergleichbare Entscheidungen fällen. Diese Forschung muss sich gar nicht auf das spitze Thema bAV beschränken. Hier geht es um viel weitere Themen wie unternehmerische Verantwortung, Strategieentwicklung und Personalführung.

Schlussendlich müssen wir das Thema aus der Expertennische herausholen und es dort hinstellen, wo es hingehört, mitten in den unternehmerischen Alltag – als eine Selbstverständlichkeit, die für ein verantwortungsvolles Unternehmen mit nachhaltiger Geschäftsstrategie einfach dazugehört.

Und genau diese Geschichten müssen wir erzählen. Wir werden es in jedem Fall tun.

Kommentare (1)

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Kommentar
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  • 24. April 2016 um 07:03 Connie Stark

    Solange der Arbeitnehmer in der Auszahlungsphase den Arbeitgeberanteil mitbezahlen und damit aktuell Abzüge von ca. 18 % für Kranken- und Pflegeversicherung in Kauf nehmen muß, wird jede bAV-Reform über kurz oder lang scheitern. Ganz besonders dann, wenn der Arbeitgeber nicht oder nur wenig mitfinanziert bzw. nichts dazugibt. Der Vertrauensverlust, den die Politiker mit dem GMG in 2003 bzw. 2004 verursacht haben, kommt noch hinzu. Beim Gutachten von dem Kiesewetter merkt man den Auftraggeber, der es bezahlt hat.

    Aus die Maus.

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