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Mittelstandsforscher: Die bAV braucht glaubwürdige Multiplikatoren

Eingestellt: 21. Januar 2016 um 09:33   /   durch   /   Kommentare (0)

Gespräch mit Prof. Dr. Frank Wallau, Fachhochschule der Wirtschaft in Paderborn. Forschungsschwerpunkt Mittelstandspolitik, Autor der „Machbarkeitsstudie für eine empirische Analyse von Hemmnissen für die Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung in kleinen und mittleren Unternehmen (Machbarkeitsstudie BAV in KMU)“ im Auftrag des BMAS 2014

 

dbr: Ihre Studie zur Verbreitung der bAV in KMU liegt nun schon etwas zurück. Dennoch beziehen sich viele Vertreter der Politik und anderer Interessensgruppen noch immer auf die dort getroffenen Aussagen und Ergebnisse…

 

FW: …auch, wenn es eigentlich keine Studie ist. Es handelt sich um eine Machbarkeitsstudie, also um eine Untersuchung, ob man daraus eine Studie machen könnte.

 

dbr: Korrekt. Dennoch sind Ihre Analysen noch immer aktuell und zutreffend. Können Sie uns hier einen kurzen Einblick in die Erstellung geben?

 

FW: Wir hatten ein paar Schwierigkeiten bei der Erhebung der Daten. Unser Plan war, Multiplikatoren zu befragen. Auf der Versichertenseite findet man genug Ansprechpartner, aber auf der Arbeitgeberseite war dies deutlich schwieriger. Gerade die Kammern waren in diesem Thema ganz schwach aufgestellt.

 

dbr: Sie sind teilweise immer noch schwach aufgestellt. Wir haben hier ähnliche Erfahrungen gemacht.

 

FW: Das ist sehr schade, denn bei dem Thema Verbreitung der bAV braucht es immer seriöse Partner. Das könnte z.B. eine IHK sein, die kein Eigeninteresse hat irgendetwas zu verkaufen. Wenn die Kammer sagt: das ist gut, das bringt dir etwas, dann setzt sich der Mittelständler damit auseinander. Das ist im Mittelstand bei vielen Themen ähnlich, egal ob Finanzierung, Digitalisierung oder eben auch im Bereich betriebliche Altersversorgung.

Ich verwende immer das Bild einer Kugel. Die Kugel liegt in einem Tal, die niedrige Verbreitungsquote, und jetzt muss man sie auf ein höheres Level heben. Da stellt sich die Frage: Wie heben wir die Kugel auf ein höheres Level bzw. kann man HEUTE die Kugel hochschieben? Ich bin da leider nicht so optimistisch.

 

dbr: Warum?

 

FW: Die Niedrigzinsphase ist für alle das Totschlagargument momentan.

 

dbr: Lassen Sie uns das gleich nochmal aufgreifen. Zunächst nochmal die Rückfrage: Wie sind Sie in der Studie vorgegangen? Welche Aussagen konnten Sie treffen?

 

FW: In der Machbarkeitsstudie haben wir zunächst in Form einer Literaturstudie untersucht, welche Hemmnisse andere Studien gefunden haben. Doch die meisten Studien sind auf diesem Thema nicht unterwegs, sie haben einen anderen Fokus. Es wird nicht danach gefragt, warum Personen keine bAV abgeschlossen haben und wenn doch, dann geben die Studien drei Alternativen vor, die man ankreuzen kann. Weitere Alternativen konnten nicht benannt werden. So wurden die Hemmnisse, die die Autoren wichtig fanden, abgefragt und eine Rangordnung erstellt.

Über die Studien haben wir ca. 40 Hemmnisse gesammelt und anschließend Multiplikatoren danach befragt. Das war für uns der Testpilot, aber die Fallzahl war nicht repräsentativ. Wenn einer der Multiplikatoren falsch antwortet oder einfach eine persönliche Meinung hatte, dann wurde dadurch ein Hemmnis hoch bewertet, obwohl es in der Realität vielleicht total unbedeutend ist. Aus diesem Grund habe ich abschließend vorgeschlagen, entweder eine große Studie zu machen oder eine kleinere Studie anzuschließen, in der 100 bis 200 Experten befragt werden, dann wäre auch die Hemmnisreihenfolge valide. So wüsste die Politik, an welchem Hemmnis sie drehen müsste. Wenn man auf dem jetzigen Stand an irgendeinem Unterparagraphen dreht, ist zwar Hemmnis 27 verbessert, aber man muss sich nicht wundern, wenn es keine 5-prozentige Steigerung in zwei Jahren gibt.

Was auch nicht erforscht worden ist, ist die Summe der Hemmnisse. Die erste Hürde überwinden sie noch, dann geraten Sie ins Stolpern und dann lassen sie es doch sein. Es ist nicht untersucht worden, wie die Hemmnisse zusammenwirken oder wie oft und warum Unternehmen aussteigen. Es gibt Beispiele, da haben Unternehmen ihren Mitarbeitern bAV Lösungen angeboten und die haben allesamt abgelehnt, weil sie zu wenig Geld übrig hatten, gerade eine Familie gegründet oder ein Haus gebaut hatten etc.

Der Unternehmer wird aktiv und die Mitarbeiter nehmen es nicht an, aus persönlichen Gründen, oder die Mitarbeiter beschweren sich, dass der Unternehmer nichts anbietet. Diese beiden Argumente stehen sich gegenüber, aber es existiert keine repräsentative Untersuchung, in welcher Stufe wer aussteigt. Ich kann Ihnen die Einzelfälle schildern, die findet man immer. Als Volkswirt muss ich aber fragen: Ist das in 70 Prozent der Fälle die Realität oder nur in 3 Prozent der Fälle? Das kann Ihnen derzeit keiner sagen.

 

dbr: Da wäre mehr Forschung angebracht?

 

FW: Versicherungen geben eine Unmenge Geld für Studien aus, doch in diesem Punkt machen sie keine Studien. Sie sollten doch wissen wollen, warum bAV Lösungen nicht angenommen werden. Sie sollten ein Eigeninteresse haben, in diesem Bereich stärker zu forschen, um zu wissen mit welchen Argumenten sie welche Leute überzeugen könnten, um den Verkauf zu steigern. Und als Politiker würde ich mich freuen, wenn der Verbreitungsgrad steigt.

 

dbr: Sie hatten auch das Thema ‚kommunikative Hemmnisse‘ behandelt. Worum ging es im Detail und wo sehen Sie dort Ansatzpunkte?

 

FW: Es beginnt damit, dass die Rolle eines Mittelständlers nicht verstanden wird. Wenn sie unter zehn Beschäftigte haben, von den 3,6 Millionen Unternehmen in Deutschland sind das 3,3 Millionen, dann sind sie derjenige, der sich um alles kümmert. Alle Fäden sind wichtig, aber das Wichtigste ist, den Laden am Laufen zu halten. Und bei alle Nebenkriegsschauplätzen und alle Nebenthemen sind sie froh, wenn sie sie nicht machen müssen.

Jetzt kommt jemand mit einem Thema, das nennt sich z.B. Wissensmanagement. Das machen sie nicht. Dann kommt der nächste mit dem Thema bAV. Super wichtig für die strategische Personalplanung. Da sind sie schon beim Wort Strategie ausgestiegen.

Man versteht nicht, wie der Mittelstand arbeitet, dass z.B. es keinen Personalverantwortlichen gibt. Vielleicht macht eine Halbtagskraft die Buchhaltung. Aber hat die denn Ahnung von betrieblicher Altersvorsorge?

Und außerdem ist dieses Konstrukt bAV relativ schwierig rüber zu bringen. Schon der Begriff bAV ist falsch. Wir benutzen ihn einmal synonym für die klassische Betriebsrente, bei der ein Unternehmen wie Miele ihren verdienten Mitarbeitern zu 100 Prozent etwas in eine Rückstellung oder in eine Lebensversicherung einzahlen. Dann gibt es noch die Entgeltumwandlung und als dritte Variante die Mischfinanzierung. Und alles heißt bAV. Auch das war Ergebnis der Studie, ich muss genau beschreiben, was ich meine, sonst können die Leute am Telefon keine Antwort geben.

Man hätte vielleicht zwei Begriffe stehen lassen sollen, statt alles unter den Oberbegriff betriebliche Altersvorsorge zu packen. Hinzu kommen auch noch fünf Durchführungswege bzw. nach aktueller Diskussion sechs. Man macht es immer komplexer.

Und dann wirft jemand noch einen Funken hinein und spricht von Haftungsrisiken. Dann explodiert alles. Die negativen Argumente setzen sich durch, das Positive nicht.

 

dbr: Gibt es hierzu überhaupt eine Lösung?

 

FW: Es geht um das Thema Vertrauen. Natürlich können Multiplikatoren wie Kammern oder Verbände das Thema vorantreiben. Steter Tropfen höhlt den Stein.

 

dbr: Da ist also der Absender wichtig.

 

FW: Ja, einer, der erst einmal nichts verkaufen will. Ich finde, dass sich die Kammern in dem Thema mehr engagieren und mehr kommunizieren müssen. Aber viele Kammern, verneinen das, da sie nicht in Konkurrenz zu ihren Mitgliedern (bAV-Berater) treten wollen. Aber wir brauchen das.

Ebenso schwierig ist es für einen Arbeitnehmer, sagen wir Mitte 20, Entscheidungen für oder gegen einen Durchführungsweg zu treffen. Hat der überhaupt bereits sein Lebensmodell im Kopf? Dann stößt er auf Berechnungen von Finanztest etc., in denen steht, dass sich das alles nicht lohnt. Und oben drauf kommen Argumente wie: Aber im Alter hast Du volle Krankenversicherungspflicht! Solche Argumente setzen sich fest.

Man muss beide Seiten aufklären. Gibt es neutrale Alternativen? Es reicht nicht Informationen zusammenzustellen, man muss über die Multiplikatoren gehen.

 

dbr: Vielleicht kann man bAV auch gemeinsam mit anderen Themen kommunizieren, z.B. Demografie?

 

FW: Das langfristige Denken – 30 Jahre – was kommt auf mich zu? Das ist nicht vorhanden.

Warum haben wir uns früher für eine bAV entschieden? Weil wir direkt angesprochen wurden und es genug Verkaufsargumente, wie Garantien, gab. Viele Versicherer haben ja nicht einmal mehr eine Mindestgarantie, eine Mindestverzinsung. Im Moment würde ich sagen: Wartet bis die EZB wieder bei mindestens zwei Prozent Zinsen ist. Es fehlt das beste Argument, die super Rendite.

 

dbr: Wenn man als Grundlage bestehen lässt, dass Anleiheinvestitionen die einzigen Optionen sind. Am Kapitalmarkt kann man auch andere Renditen erzielen, wenn man andere Investments wählt.

 

FW: Ja, aber dann ist die Frage wieder: Was will der Mittelständler? Wenn man sich die Verträge der KMU anschaut, gehen die immer in die Direktversicherung, die eher konservative Anlage. Für den Mittelständler ist das am Einfachsten, von der Abwicklung und vom Verfahren.

 

dbr: Die Frage ist, ob abseits der bisherigen Lösungen noch andere Wege denkbar sind. Es sind auch völlig andere Plattformen denkbar, die Anlagevermögen für kleine Unternehmen vielleicht auch in Gemeinschaft verwalten.

 

FW: Das stimmt. Die meisten Mittelständler wollen sich für einen Weg entscheiden und dann Ruhe haben. Das soll automatisch laufen. Das ist aber nicht optimal.

Die bAV würde schon Fahrt aufnehmen, wenn man mehr Mittelständler überzeugen könnte, wenigsten die gesparten Sozialabgaben dem Arbeitnehmer mitzugeben. Das passiert leider auch nicht. So würde man das Problem der Rendite besser in den Griff bekommen, auch wenn nur 80 oder 100 Euro eingezahlt werde und man nur ein Prozent kriegt.

Bleibt die Frage, warum der Arbeitgeber das machen soll.

 

dbr: Das hat etwas mit dem eigenen Selbstverständnis zu tun. Wie definiere ich mich als Unternehmer?

 

FW: Da ist aber eine von Großunternehmen geprägte Diskussion. Das ist so im Mittelstand noch nicht angekommen, mit Ausnahme der großen Familienunternehmen vielleicht, aber nicht beim kleinen Handwerker.

 

dbr: Gibt es Beispiele aus anderen Bereichen, in denen sich ähnlich komplexe Themen wie bAV, Digitalisierung, Demografie o.ä., in KMU festsetzen konnten?

 

FW: Mir fällt spontan die ISO 9.000 ein, aber die ist praktisch von oben durchgedrückt worden. Wenn man Zulieferer für einen großen Automobilhersteller ist und der verlangt das, dann ziehen alle mit.

Wo ist in der bAV dieser ähnliche Druck?

Jeder hat ein Recht auf Entgeltumwandlung. Aber die meisten Mitarbeiter wissen das nicht und mit dem Chef so etwas auszudiskutieren – das ist auch ein psychologisches Problem. Vielleicht fehlt dem Mitarbeiter auch die Motivation, es ist ja sein Geld, das weg geht und im Moment braucht er vielleicht jeder Euro im Monat.

 

dbr: Aber bei Mitarbeitern, die schon länger arbeiten, müsste das Thema doch spannender werden, oder?

 

FW: Richtig. Ein professionelles Unternehmen sollte sich jedes Jahr seine Mitarbeiter anschauen. Hat sich etwas geändert? Ist der Mitarbeiter verheiratet, hat er Kinder bekommen? Ist er beruflich aufgestiegen? Da könnte der Arbeitgeber proaktiv auf den Mitarbeiter zugehen und das Thema Altersvorsorge platzieren oder auch Anpassungen vorschlagen. Das passiert aber nicht. Einmal abgeschlossen, liegen gelassen.

 

dbr: Mangelt es den Unternehmen an Verantwortungsgefühl? Oder haben die diese Verantwortung aus Ihrer Sicht gar nicht?

 

FW: Das ist die Frage. Muss ich mich wirklich um die Altersvorsorge, in das Privatleben meiner Mitarbeiter, einmischen? Ich kenne Unternehmer, die sagen: Lieber Mitarbeiter, du hast zwar wenig Geld, aber wenn Du 50 Euro einzahlst, dann zahle ich nochmal 100 Euro drauf. Solche Unternehmen gibt es. Aber manchmal können die Unternehmen auch die Pferde nicht zur Tränke tragen, wenn sie nicht trinken wollen.

 

dbr: Nehmen wir einmal an, sie wären im BMAS verantwortlich für das Thema bAV. Was würden Sie als erstes ändern?

 

FW: Ich glaube schon, dass der Bürger selbst entscheiden muss. D.h. man muss ihm sein Problem klarmachen. Wir sind also wieder beim Kommunikationsproblem. Die Zahlen auf dem Rentenbescheid verstehen die Meisten. Aber welche Lebensversicherung die Leute haben, welche betriebliche Versicherung, Riesterrente, das ist schwieriger zu erfragen.

Das wäre ein erster Schritt – es gibt in Dänemark ein Modell, das fand ich immer gut – dass die Leute auf einen Blick sehen, was sie bis jetzt angespart haben. Wenn ich im Alter davon 60 oder eben 70 Prozent haben will, weiß ich, ob ich noch etwas tun muss. Da wäre ich immer für Freiwilligkeit, aber das Problem ist vielen Leuten nicht bewusst. Außerdem muss das BMAS so ehrlich sein und berichten, dass die erste Säule langsam immer dünner wird und abschwillt auf 43 Prozent. Das ist beschlossen, wird aber nicht aktiv kommuniziert.

Das ist auch bei vielen Tarifverträgen der Fall. Wenn man da fünf Euro pro Monat einbezahlt, was kommt da hinten raus? Eine Schachtel Zigaretten. Man muss den Leuten auch ehrlich sagen, ab welchen Beträgen es sich lohnt.

 

dbr: Opting-Out wäre für Sie keine Variante?

 

FW: Ich glaube nicht. Ich glaube, dass, ähnlich wie beim Minijob, die Leute dagegen votieren würden. Früher mussten sie freiwillig sagen, ob sie in die Rentenversicherung einzahlen wollten und heute müssen sie aktiv widersprechen, dass sie nicht einzahlen wollen. Unter den jungen Leuten, die ich kenne, hat keiner in die Rentenversicherung eingezahlt. Man baut beim Opting-Out auf die Trägheit der Masse. Das ist vielleicht ein Weg. Ich würde ihn nicht einschlagen.

Ich kann mir auch Prämien vorstellen, dass eine Versicherung vom Staat 500€ kriegt, wenn sie bei einem Kleinstunternehmen eine bAV implementiert mit einer Mindestverbreitung von 50% .

Man kann über Vieles nachdenken, an welchen Schrauben man drehen könnte. Da fehlen mir auch offene Diskussionen und kreative Ideen. Zunächst einmal müsste das BMAS sich auch ein klares Ziel setzen, wo man in 5 Jahren sein will. Und dann konkret die Frage beantworten: Wie kommen wir da hin? Jedes Unternehmen sagt, wenn es z.B. seinen Bekanntheitsgrad steigern will oder seinen Marktanteil, welches Ziel es konkret verfolgt und lässt sich auch nach zwei Jahren daran messen. Das macht die Politik sehr selten. Das wäre vielleicht auch noch ein Wunsch von mir.

 

dbr: Vielen Dank für das Gespräch.

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