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„Betriebsrente heißt Arbeitgeberengagement – so verstehe ich das Säulenmodell“

Eingestellt: 4. Dezember 2015 um 14:44   /   durch   /   Kommentare (0)

Interview mit Dietmar Schäfers, stellvertretender Bundesvorsitzender, zuständig für den Bereich Baugewerbe, Wohnungspolitik, Umweltpolitik und Handwerkspolitik sowie internationale Beziehungen bei der IG Bauen-Agrar-Umwelt

 

dbr: Herr Schäfers, welche Lösungen bietet die IG Bauen Agrar Umwelt, im Bereich betriebliche Altersversorgung?

DS: Das Thema betriebliche Altersversorgung hat in unserer Gewerkschaft eine lange Tradition. Wir sind sehr handwerklich strukturiert. Wenn man sich das Bau-Hauptgewerbe anschaut, haben wir durchschnittlich zehn Beschäftigte im Betrieb, im Dachdeckerhandwerk und Maler- & Lackiererhandwerk sind es acht, bei Steinmetzen zwei Beschäftigte im Durchschnitt. Da muss man nach Lösungen suchen, wie betriebliche Altersversorgung organisiert werden kann.

Wir haben innerhalb unserer Branchenbereiche Lösungen über eine Umlagefinanzierung gefunden. Alle Betriebe planen einen gewissen Prozentsatz der Bruttolohnsumme ein und nach einer bestimmten Verweildauer in der Branche – nicht im Betrieb, theoretisch kann man jeden Tag den Arbeitsplatz wechseln – erwirbt man den Anspruch auf eine sogenannte betriebliche Altersversorgung, die bei uns aber überbetrieblich organisiert ist. Sonst hätten die Arbeitnehmer gar keine Chance, daran zu partizipieren.

Das ist in einer Zeit, in der die Renten perspektivisch gekürzt werden, sehr wichtig. Die Politik hat uns gesagt, als man zuletzt in das Rentensystem eingegriffen hat, ihr müsst zukünftig auf drei Säulen bauen, auf die gesetzliche Rente, die betriebliche Rente und die private Vorsorge. Und wenn ihr das tut, dann habt ihr anschließend an die 70 Prozent eures letzten Verdienstes.

Heute sehen wir, man wird diese 70 Prozent bei weitem nicht erreichen. Das gesetzliche Rentenniveau sinkt wahrscheinlich auf knapp 45 Prozent, einige Untersuchungen sagen sogar, diejenigen, die heute anfangen, werden in 45 Jahren vielleicht nur noch 38 Prozent haben. Wenn dann die zweite Säule nicht funktioniert, also die betriebliche Altersversorgung, wo soll dann das Einkommen im Alter generiert werden?

Die dritte Säule ist gerade auch kastriert oder amputiert worden. Wenn selbst die Lebensversicherer keine Lebensversicherungen mehr anbieten, dann blutet diese Säule faktisch aus. Somit ist betriebliche Altersversorgung elementar wichtig geworden.

Das Problem ist, die betriebliche Altersversorgung in Deutschland ist ein Flickenteppich. Wo bekommen Sie sie denn? In den Großbetrieben und in manchen mittelständischen Betrieben. Wir haben die betriebliche Altersversorgung über die Betriebe hinweg organisiert und das ist ein gutes Mittel, um etwas gegen Altersarmut zu unternehmen.


dbr: Sie sagten, von der Bruttosumme wird in die Umlage eingezahlt, wie hoch ist da der Arbeitgeberanteil?

DS: Im Baugewerbe sind das 3,2 Prozent der Bruttolohnsumme.


dbr: Und das ist verpflichtend für alle?

DS: Das ist verpflichtend für alle. Das ist ein allgemein verbindlicher Tarifvertrag, der wirkt wie Gesetz, egal ob man im Arbeitgeberverband ist oder nicht.


dbr: Sie sprachen von einem Umlageverfahren. Ab Januar 2016 wird aber jetzt zu einer kapitalgedeckten Altersvorsorge gewechselt?

DS: Wir haben das System bei der SOKA-BAU von solidarisch finanziert auf kapitalgedeckt verändert. Dieser Prozess wurde vor gut zwölf Jahren eingeleitet. In den 90er Jahren hatte das Baugewerbe 1,3 bis 1,4 Millionen Beschäftigte. Dann kam die große Baukrise von 1995 bis 2005, in der sich die Beschäftigtenzahl halbiert hat. Wir standen vor dem Problem, dass wir aus den Beiträgen, die aus einer deutlich geringeren Bruttolohnsumme kamen, die laufenden Renten bedienen mussten. Da man perspektivisch sehen konnte, wo das endet, haben wir darauf hingearbeitet, auf eine kapitalgedeckte Lösung umzustellen. Das ist uns in dem Tarifvertrag vor zwei Jahren endlich gelungen und gilt ab Januar 2016.

Es handelte sich hierbei um einen sehr langwierigen Prozess. Es gilt dabei unterschiedliche Ansprüche zu beachten. Es gibt Ansprüche aus dem alt-solidarischen System, und dazu diejenigen, die jetzt neu anfangen oder 50 Jahre und jünger sind und auf das neue System wechseln. Ein sehr aufwendiger Prozess, für den wir einige hundert Millionen Euro bewegen mussten.

Bei allen anderen Kassen haben wir noch das Solidarprinzip, weil dort die Erosion in der Beschäftigtenzahl nicht so stattgefunden hat, wie im Bauhauptgewerbe.


dbr: Welches Volumen verwalten Sie?

DS: Die ZVK – die Zusatzversorgungskasse – hat ein ausgewiesenes Bilanzvermögen von 4,5 Milliarden. Damit sind wir die größten Privaten.


dbr: In der Diskussion wird oft betont, dass Betriebsrenten auch mit Arbeitgeberengagement verbunden sein sollten. Wie sehen Sie das Thema Entgeltumwandlung?

DS: Entgeltumwandlung ist ein wenig Pseudo-bAV, denn zum Schluss kommt das große Erwachen. Es ist ein probates Mittel, das will ich gar nicht in Abrede stellen, allerdings bin ich ein Freund davon, die Säulentheorie auch wirklich ernst zu nehmen und dazu gehört eine klassische betriebliche Altersversorgung, bei der der Arbeitgeber einzahlt und der Beschäftigte, wenn er in Rente geht, hierüber Geld erhält. So verstehe ich betriebliche Altersversorgung.


dbr: Zum aktuellen Thema Niedrigzinsphase und die bilanziellen Auswirkungen: Was ist ihre Position hierzu?

DS: Es handelt sich um ein großes Desaster. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass unsere Sozialkassen immer noch nahe 4 Prozent erwirtschaften. Unser System ist über gemeinsame Einrichtungen organisiert, nicht wie bei der Metallrente, die über die Allianz abgewickelt wird. Unsere gemeinsamen Einrichtungen werden paritätisch zwischen dem Arbeitgeberverband und uns verwaltet, mit geringen Verwaltungskosten – kein Shareholder bekommt irgendwelche Dividenden oder sonstige Vergütungen. Es werden auch keine Provisionen bezahlt, bei denen oft eine Menge Geld verloren geht. So erwirtschaften wir knapp 4 Prozent. Das ist in der heutigen Situation ein gutes Ergebnis.


dbr: Sie sehen Ihre Vorgehensweise als Vorbild für mögliche andere Lösungen. Es wird viel diskutiert, wie man Betriebsrenten in die kleinen Betriebe bekommt, doch da gibt es keine wirklich gute Idee im Moment.

DS: Wir sehen das wirklich als Modelllösung – gerade für das Handwerk bzw. für den Mittelstand. Es macht nur Sinn, wenn das flächendeckend organisiert ist. Wenn ein Arbeitnehmer den Arbeitsplatz innerhalb der Branche wechselt, muss er sich darauf verlassen können, dass die alten Ansprüche im neuen Betrieb fortgeführt werden. Darum sind diese Lösungen, wie wir sie jetzt gefunden haben, aus unserer Sicht Referenzlösungen.


dbr: Als gesetzliche Lösung?

DS: Frau Nahles will das Thema Betriebsrente flächendeckend lösen, ich bin gespannt wie das ausgeht. Aber, wenn es gesetzliche Grundlagen gibt, wird es einfacher.

Wir werden als Tarifvertragspartei mehr und mehr Reparaturbetrieb für falsche politische Entscheidungen. Das Thema Altersversorgung hat bei uns schon immer eine große Rolle gespielt, aber, nachdem man die Operation am offenen Herzen im Rentensystem vorgenommen hat, hat es allgemein und auch bei den Beschäftigten noch mehr an Bedeutung gewonnen. Die Beschäftigten wissen heute wie elementar wichtig es ist, aus dieser zweiten Säule Geld zu bekommen.

 

Foto: © IG BAU (Paul Schimweg)

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