bAV in Unternehmen

„Italiener mögen Altersvorsorge“

Eingestellt: 20. Oktober 2015 um 15:15   /   durch   /   Kommentare (0)

Interview mit Wolf-Ulrich Sauermann, Personalleiter European XFEL GmbH

dbr: Herr Sauermann, was steckt hinter dem Unternehmensnamen European XFEL?

Sauermann: XFEL steht für X-Ray Free-Elektron Laser Facility. Die European XFEL GmbH ist eine Forschungseinrichtung, die 2009 gegründet wurde und sich derzeit noch im Aufbau befindet. Das Besondere ist, dass wir ein öffentlich finanziertes Unternehmen sind und zwar überwiegend durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und weitere zehn europäische Partnerländer – das nächstgrößte ist hier mit 27 Prozent Russland. Das Gesamtinvestionsvolumen beträgt etwa 1,2 Milliarden Euro.


dbr: Was haben Sie in Zukunft vor?

Wolf-Ulrich Sauermann, Personalleiter European XFEL GmbH

Wolf-Ulrich Sauermann, Personalleiter European XFEL GmbH

Sauermann: Wir möchten 2017 unsere Anlage für physikalische Grundlagenforschung in Betrieb nehmen. Das Ganze ist ein sogenannter Röntgenlaser, der im Gegensatz zu den bekannten Ringbeschleunigern mit einem Linearbeschleuniger arbeitet. Die Anlage wird insgesamt gut 3,5 km lang sein. Am Ende des eines unterirdischen Tunnelsystems befindet sich dann die Experimentierhalle, in der die Forscher, plastisch formuliert, unter anderem filmen können, was sich im Nanokosmos auf Ebene der Atome und Elektronen abspielt – und das Ganze in 3D. Dazu erzeugt der European XFEL ultrakurze Laserlichtblitze im Röntgenbereich – 27 000-mal in der Sekunde und mit einer Leuchtstärke, die milliardenfach höher ist als die der besten Röntgenstrahlungsquellen herkömmlicher Art.


dbr: Warum wirbt eine Forschungseinrichtung wie Ihre in Stellenanzeigen explizit mit dem Thema betriebliche Altersvorsorge?

Sauermann: Auch wir müssen sehen, dass wir uns im Wettbewerb um kluge Köpfe durchsetzen können. Wir brauchen brillante Wissenschaftler, sonst können wir unseren Auftrag nicht erfüllen. Das heißt, wir haben es zum einen mit einem harten Konkurrenzkampf mit der fortschrittlichen Industrie hier am Standort Hamburg zu tun, und zum anderen mit einer Vielzahl von europäischen und außereuropäischen Forschungseinrichtungen, die ebenfalls entsprechende Talente suchen. Der Markt für Wissenschaftler ist ja längst global. Und da wir als öffentlich finanzierte Einrichtung an die Vorgaben des Tarifs im öffentlichen Dienst gebunden sind, müssen wir uns etwas einfallen lassen, um im Wettbewerb mit großen Konzernen oder innovativen Mittelständlern zu bestehen.


dbr: Das heißt, Sie haben auch viele internationale Kollegen?

Sauermann: Ja, genau. Von derzeit circa 250 Mitarbeitern stammt gut die Hälfte nicht aus Deutschland und unsere Betriebssprache ist deshalb auch Englisch.


dbr: War das Angebot einer arbeitgeberfinanzierten Betriebsrente von Anfang an Teil der Personalstrategie, die Sie hier entwickelt haben?

Sauermann: Im Grunde ja, aber offen gestanden weniger durch mein Zutun, sondern, weil vor allem bereits in der Planungsphase die öffentlichen Anteilseigner sich bereit erklärt haben, Mittel für die betriebliche Altersvorsorge bereitzustellen. Auf der deutschen Seite ist die Versorgung über VBL, die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder, fest verankert und so wurde der Gedanke der Altersvorsorge auch hier eingebracht.


dbr: Wie haben Sie das Projekt dann in der Aufbauphase umgesetzt – über die VBL?

Sauermann: Nein, das ging aufgrund unserer Rechtsform nicht. Letztlich haben wir uns in die gesamte Thematik einarbeiten müssen und schließlich einen Partner gefunden, der unseren Erwartungen und Möglichkeiten sehr gut entspricht.


dbr: Haben Sie sich einen Berater an Bord geholt?

Sauermann: Als ich hier anfing, war bereits ein Berater an Bord. Wir haben uns aber bald von ihm getrennt. Grundsätzlich kann Unterstützung durch einen Berater sehr hilfreich sein, in unserem Fall haben wir leider keine so gute Erfahrung gemacht und das klassische Lehrgeld bezahlt.


dbr: Weil?

Sauermann: Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen, aber wenn ein unabhängiger Berater nur ein Angebot bringt und ankündigt, dass seine Beratung nur dann kostenfrei sei, wenn man bei diesem Versicherer abschließt und ansonsten mehrere zehntausend Euro Beratungshonorar fällig würden, dann ist das nicht befriedigend. Vor allem dann nicht, wenn das vorgeschlagene Unternehmen Abschlusskosten und Verwaltungskosten veranschlagt, die am oberen Ende des Marktüblichen liegen.


dbr: Was haben Sie dann getan?

Sauermann: Nun, wie gesagt zunächst einmal den Berater entlassen und selbst auf die Suche gegangen. Ich habe dann alle wichtigen Parameter für uns aufgeschrieben und gewichtet, um einen besseren Überblick über unsere Anforderungen zu haben. Wir haben ein Pflichtenheft zusammengestellt, ein Bewertungsschema gebildet und sind damit auf den Markt gegangen. Unser wesentlicher Indikator war das Preis-Leistungsverhältnis, das hieß für uns in diesem Zusammenhang, dass von jedem investierten Euro so viel wie möglich sicher beim Mitarbeiter ankommt.


dbr: Für welchen Anbieter haben Sie sich am Ende entschieden?

Sauermann: Der VBLU, der Versorgungsverband bundes- und landesgeförderter Unternehmen e. V., hat unsere Kriterien mit knappem Abstand am besten erfüllt. Wir mussten auch Abstriche machen. Zum Beispiel ist der VBLU nur auf dem deutschen Markt tätig und wir haben viele sehr mobile internationale Fachkräfte, für die eine internationale Lösung besser gepasst hätte. Es war das Gesamtpaket, das uns am Ende überzeugt hat. So haben wir zum Beispiel eine Regelung, dass ein Mitarbeiter sich auch bei einer Beschäftigung von unter fünf Jahren alle eingezahlten Beiträge auszahlen lassen oder die Versorgung beibehalten kann.


dbr: Was haben Sie dort für einen Durchführungsweg? Was zahlen Sie ein und wie hoch sind die Kosten?

Sauermann: Wir haben den Weg der Unterstützungskasse gewählt, in die nur der Arbeitgeber einzahlt. Wir haben insgesamt ein Volumen von 6,45 Prozent der Bruttoentgeltsumme für die jährlichen Einzahlungen. Der Verwaltungskostenanteil liegt bei circa 1,7 Prozent, was für uns akzeptabel war. Abschlusskosten erhebt der VBLU nicht.


dbr: Was ist mit den Mitarbeitern, die selbst noch zusätzlich vorsorgen wollen?

Sauermann: Die können über den VBLU eine Direktversicherung abschließen. Das machen aber nur circa 15 Prozent der Mitarbeiter. Interessanterweise ist die zusätzliche Vorsorge besonders bei Italienern sehr beliebt.


dbr: Tatsächlich? Wir dachten, wir Deutschen seien die guten Sparer?

Sauermann: Offensichtlich haben die italienischen Kollegen eine höhere Affinität zum Thema Altersvorsorge.


dbr: Wie informieren Sie Ihre Mitarbeiter über die Möglichkeiten der Altersvorsorge.

Sauermann: Zum einen nutzen wir die Unterlagen der VBLU, die inzwischen für uns auch auf Englisch vorliegen. Ganz wesentlich ist bei uns die persönliche interne Kommunikation. So wird das Thema ausführlich bei Einstellungsgesprächen behandelt. Außerdem gibt es einmal im Jahr ein Treffen, bei dem wir gemeinsam mit Experten aus dem Umfeld des VBLU alle Fragen der Mitarbeiter klären. Dazu gehören bei weitem nicht nur Fragen zur Betriebsrente, sondern auch generell zur Altervorsorge.


dbr: Nehmen die Kollegen das an?

Sauermann: Der Zuspruch ist sehr groß, aber auch die Notwendigkeit. Einige unserer internationalen Kollegen, vor allem natürlich wenn Sie zum ersten Mal in Europa arbeiten, sind anfangs nicht vertraut mit dem deutschen Sozialversicherungssystem und überhaupt mit unserem Finanz- und Bankenmarkt. Ganz am Anfang hatten wir einmal eine chinesische Kollegin, die befristet für ein Projekt eingestellt worden war, zu einer Bank geschickt um ein Konto zu eröffnen. Sie kam mit zwei Kreditkarten- und einem Riesterrentenvertrag zurück. Manche Finanzdienstleister und Banken kennen da offenbar keine Hemmungen. Mittlerweile haben wir natürlich ein recht umfassendes Onboardingprogramm, das auch diesem Umstand Rechnung trägt.


dbr: Was würden Sie abschließend sagen, lohnt es sich für Ihr Unternehmen eine Betriebsrente in der Form anzubieten?

Sauermann: Zunächst einmal bin ich „Überzeugungstäter“. Ich finde jede Investition in die Altersvorsorge und die Familienabsicherung unserer Kollegen gut und wichtig. Und ja, ich glaube auch, dass sich der Aufwand für das Unternehmen lohnt. Einerseits ist das Angebot einer betrieblichen Altersvorsorge ein positives Differenzierungsmerkmal, das wir auch in unseren Stellenanzeigen erwähnen, und andererseits fördert diese Leistung die Bindung der Kollegen an das Unternehmen.

 

Fotos: Elektronen-Injektor, Wolf-Ulrich Sauermann © European XFEL

Kommentare (0)

Schreiben Sie einen Kommentar

Kommentar
Name E-mail Website