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KPMG (2): Handeln im Niedrigzinsumfeld – Optionen für Unternehmen

Eingestellt: 29. September 2015 um 10:12   /   durch   /   Kommentare (0)

Teil 2 des Expertengesprächs mit Christine Hansen, Rechtsanwältin KPMG Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, und Tobias Schmitz, Senior Manager HR Consulting, KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, beide spezialisiert auf die betriebliche Altersversorgung

dbr: Wenden wir uns dem Thema Niedrigzinsen zu: Wie sehen hier aktuell die Rahmenbedingungen im Bereich betriebliche Altersversorgung für Unternehmen aus?

TS: Das Thema Niedrigzins beschäftigt vor allem Unternehmen, die Pensionsverpflichtungen in ihren Bilanzen abbilden. Teilweise sind das größere Millionenbeträge und machen einen Großteil der Bilanzsumme aus. Insbesondere beim Mittelstand, der überwiegend nach HGB bilanziert, ist eine Diskussion um den Diskontierungszinssatz für die Berechnung der Pensionsverpflichtung, der sich anhand von Bundesanleihen ermittelt, entbrannt. Je niedriger der Diskontierungszins, desto höher die Pensionsverpflichtungen. Man kann ungefähr sagen: ein Prozent Rechnungszins-Absenkung macht bis zu 25% Anstieg bei der Pensionsverpflichtung aus.

Aufgrund der Durchschnittsbildung bei der Ermittlung des Diskontierungszinssatzes – es wird der Durchschnitt der letzten 7 Jahre angesetzt – ist die Auswirkung noch nicht voll spürbar. Der Abzinsungssatz nach HGB lag Ende 2014 noch bei 4,53 Prozent. Doch der Zins wird sukzessive abschmelzen, da zunehmend die Niedrigzinsjahre in diese Durchschnittsbildung einfließen. Die Prognosen gehen derzeit davon aus, dass er in 5 Jahren zwischen zwei und zweieinhalb Prozent liegen wird. Das kann dazu führen, dass einige Verpflichtungen in den nächsten 5 bis 7 Jahren um mehr als 50 % ansteigen.

CH: Das Thema ist so brisant, dass es auch politisch diskutiert wird. Der Bundesrat hat den Bundesfinanzminister aufgefordert zu handeln, da zunehmend mittelständische Unternehmen belastet werden. Was passiert? Die Pensionsrückstellung steigt an und setzt unmittelbar einen Hebel auf das Eigenkapital, dadurch kann dies auch bei gesunden Unternehmen zu einer bilanziellen Überschuldung führen. Einige Unternehmen haben schon mit Insolvenzen zu kämpfen.

Wobei es auch nicht immer eine unmittelbare Auswirkung des Niedrigzinsumfeldes ist, wenn Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten kommen, wie es in manchen Medienberichten dargestellt wird. Man muss das Thema bAV immer differenziert betrachten und neben den Herausforderungen auch die Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten einbeziehen.

 

dbr: Zu welchen Auswirkungen kann es noch kommen?

TS: Ein anderes Thema im Kontext der Niedrigzinsphase ist die Rendite. Wie kann ich als Privatperson noch für das Alter hinreichend Vermögen aufbauen? Wie schaffe ich es, dass meine Rendite nicht unter der Inflation liegt? Auch die Versicherungswirtschaft steht vor großen Herausforderungen, um die versprochenen Zinsgarantien einzuhalten.

 

dbr: Die Versicherungen haben selbst mit dem Zinsumfeld zu kämpfen. Wie stellt sich dieser Zusammenhang dar?

CH: Die Versicherer haben darunter zu leiden, dass sie jetzt nicht mehr die Garantien oder die Renditen erwirtschaften können, die vielleicht noch vor zehn Jahren möglich waren. Die Produkte werden damit weniger attraktiv für den Einzelnen. Die Versicherer gehen derzeit dazu über, neue Produkte auf den Markt zu bringen, in denen sie weniger Garantien auszusprechen. Sie gehen auch dazu über, aggressivere Anlageformen anzubieten, um eine entsprechende höhere Renditechance zu ermöglichen.

 

dbr: Ist das immer sinnvoll?

TS: Hierzu gibt es unterschiedliche Meinungen. Meine ist, Kapitalanlage differenziert zu betrachten. Warum sollte man ein Versicherungsprodukt wählen, wenn man sich rein auf die Kapitalanlage konzentrieren möchte? Wozu benötigt man dazu eine meist teure Versicherungshülle? Entscheide ich mich für Sicherheit und möchte ich zusätzliche Risiken absichern, wie Tod oder Berufsunfähigkeit, dann wähle ich den klassischen Versicherungsweg und lege Wert auf die dort ausgesprochenen Garantien. Möchte ich den Fokus auf einen langfristigen Versorgungsaufbau im Alter und eine höhere Renditechance legen, sollte ich eher eine rein kapitalorientierte Version wählen, z.B. über Spezialfonds oder auch Pensionsfonds. Möglicherweise kann auch eine Kombination aus Beidem eine sinnvolle Lösung darstellen.

 

DBR: Mit Blick auf die Maßnahmen der versicherungsseitigen Anbieter, wie ist ihre aktuelle Empfehlung?

CH: Es gibt verschiedene Durchführungswege, z.B. auch den Pensionsfonds. Dieser könnte, als Alternative zur Direktversicherung, auch für kleinere Unternehmen interessant sein, die selbst kein eigenes Versorgungssystem führen wollen. Die Versicherungsaufsicht hat hier deutlich breitere Rahmenbedingungen gesetzt. Der Pensionsfonds kann z.B. andere Anlageformen wählen. Hierdurch kann er sich von den reinen versicherungsförmigen Durchführungswegen noch weiter abgrenzen.

 

dbr: Nicht jeder Durchführungsweg in der bAV ist vom Niedrigzinsumfeld bedroht. Könnten Sie das genauer erläutern?

TS: Die Probleme aus dem Niedrigzinsumfeld beziehen sich, neben den bereits geschilderten innerhalb der Versicherungswirtschaft, primär auf Direktzusagen, bei denen der Arbeitgeber direkt eine Leistung zusagt und dafür Pensionsverpflichtungen bilden muss. Manche Versorgungszusagen sehen auch Zinsgarantien vor. Wir treffen immer noch auf Versorgungszusagen mit bis zu sechs Prozent Zinsgarantie. Unternehmen sollten sich dringend ein Bild ihrer Zusagen machen, um gegebenenfalls entsprechend darauf zu reagieren.

 

dbr: Was kann man nun als Unternehmen konkret tun, um sich für das Niedrigzinsumfeld zu wappnen?

CH: Grundsätzlich sollte man analysieren, welche rechtlich zulässigen und wirtschaftlich sinnvollen Optionen zur Risikominimierung bzw. zur bilanziellen Entlastung des Unternehmens im konkreten Einzelfall gegeben sind. Möglichkeiten in Bezug auf grundlegende Änderungen sind die Überprüfung der Leistungspläne und der Wechsel des Durchführungsweges. Daneben kann aber auch lediglich betrachtet werden, ob es rechtliche Neuerungen gibt, die für die bestehende Versorgungsregelung relevant sind. Zudem sollte man prüfen, ob und inwieweit Auslegungslücken in den geltenden Versorgungsregelungen bestehen. Eine Frage ist auch: Werden Anwartschaften schon dynamisiert? Einige Unternehmen übererfüllen hier die gesetzlichen Vorgaben.

Man kann nach genauer Analyse des Status quo entscheiden, ob bestehende Versorgungswerke geschlossen werden sollten, um sie neu aufzusetzen, oder ob es aus Unternehmenssicht die bessere Wahl ist, im laufenden System nur kleinere einzelne Anpassungen vorzunehmen. Es ergibt sich ein Maßnahmenpaket, das an die Bedürfnisse des Unternehmens angepasst ist.

Vielleicht macht es sogar Sinn und ist durch aus in beiderseitigem Interesse, einzelne Versorgungszusagen abzufinden, was angesichts ungewisser Lebenserwartung und unterschiedlicher privater Interessen eine Win-Win-Situation sein kann.

TS: Man muss die Situation des Unternehmens genau betrachten. Pensionsverpflichtungen abzubauen, bedarf einer gewissen Liquidität. Einige Unternehmen sind hierzu in der Lage, so dass man über eine Teilausfinanzierung nachdenken sollte, um den Anstieg der Pensionsverpflichtungen abzufedern. Unternehmen, die diese Möglichkeiten nicht haben, können alternativ, die Einrichtung eines Contractual Trust Arrangements (CTA) prüfen. Hier können auch illiquide Vermögenswerte, wie beispielsweise Immobilien, eingebracht werden – wobei derartige Lösungen stets vor dem Hintergrund der bilanziellen Saldierungsanforderungen und eventueller steuerlicher Konsequenzen sorgfältig zu prüfen sind.

 

dbr: Auf der Bilanzseite war das Thema bAV Verpflichtungen steigen an, auf der Steuerseite gibt es das Thema, dass die Gewinne nicht entsprechend gemindert werden können.

TS: Steuerbilanziell ist der Zinssatz nach wie vor fest bei sechs Prozent. Im Vergleich zur HGB-Bilanz entsteht ein immer größer werdender Abstand. Somit fehlt Unternehmen die Möglichkeit, die Finanzierung ihrer Versorgungssysteme marktgerecht gewinnmindernd berücksichtigen zu können. Hier agiert das Bundesfinanzministerium sehr verhalten, weil eine Änderung Milliardenbeträge an Steuerausfällen bedeuten würde. Ob eine Lockerung kommen wird ist unsicher, aber die Diskussion findet auf jeden Fall statt.

 

dbr: An beiden Fronten besteht also Handlungsdruck? Wo wird sich, nach Ihrer Meinung in Zukunft etwas bewegen?

TS: Kurzfristig wird man versuchen, im HGB eine Entlastung herbeizuführen, indem man möglicherweise die Durchschnittsbildungsdauer für die Ermittlung des Rechnungszinses von 7 auf 12 bis 15 Jahre anheben wird. So würde zunächst an dieser Stelle der Druck für die Unternehmen rausgenommen. Es handelt sich aber nur um eine zeitliche Verschiebung der Problematik, da die Experten aktuell nicht damit rechnen, dass die Zinsen schnell wieder ansteigen werden. Unternehmen müssen sich folglich dennoch mit dem Thema befassen. Auf steuerlicher Seite wird sich aber auch etwas bewegen müssen.

CH: Wenn man auf eine zwölfjährige Durchschnittsbildung umschwenkt, ergeben sich wiederum Verzögerungen, sollte es zur Trendwende bei den Zinsen kommen, da der Zeitraum sich verlängert bis diese gegenläufigen Anpassungen Wirkung zeigen. In beiden Fällen gibt es also Vor- und Nachteile.

 

dbr: Zum Stichwort Zeitspanne: Auch bei den genannten Handlungsalternativen tritt die Wirkung nicht immer sofort ein.

CH: Aus diesem Grund erarbeiten wir ein Maßnahmenpaket. Manche Optionen wirken sofort, wie z.B. die Abfindung. Andere Maßnahmen sind nur risikominimierend, wie bei der Umgestaltung einer Zusage auf niedrigere Zinssätze. Alles, was gestalterisch in die Zusage greift, hat eine zeitliche Verzögerung.

Der einfachste Weg ist zu sagen, das bestehende System bleibt unverändert, und man führt ein neues System lediglich für neue Mitarbeiter ein. Dann dauert es aber sehr lange, bis man einen Effekt spürt. Der andere Weg wäre, ein Versorgungswerk zu schließen und die bestehenden Mitarbeiter in das neue Versorgungssystem zu überführen. So erreicht man früher Effekte, die sich positiv bilanziell niederschlagen. Dies funktioniert aber nur mit aktiven Mitarbeitern. Abfindungen laufender Renten sind nur zulässig, wenn sie vor 2005 begonnen haben oder falls es sich um Kleinstpensionen handelt.

 

dbr: Zu dem Maßnahmenpaket gehört auch die Beurteilung, ob die bilanziellen Vorteile in Abwägung mit strategischen Entscheidungen, der Unternehmenspolitik, überhaupt sinnvoll sind?

CH: Genau richtig. Das Unternehmen muss letztlich Entscheidungsprioritäten setzen und beachten, was arbeitsrechtlich zulässig ist.

TS: Es wird Unternehmen geben, die bei steigenden Pensionsverpflichtungen erst einmal nichts machen werden, weil das Thema für sie bilanziell keine große Rolle spielt. Aber es ist ein guter Zeitpunkt darüber nachzudenken, wie sich die Unternehmen in Sachen bAV aufstellen wollen. Falsche Entscheidungen können z.B. zu schlechten Bonitätsnoten führen. All diese Dinge müssen berücksichtigt werden.

CH: Lediglich passiv abzuwarten was passiert, ist in der Regel keine Hilfe. Die Situation bessert sich selten.

Betriebsrentenrecht ist langlebig. Manche Fehler zeigen sich erst nach Jahrzehnten, wenn es zum Rentenbezug kommt. Im laufenden Arbeitsverhältnis kann man noch recht gut eingreifen und auch einfach mögliche Rechtsfehler beseitigen.

 

dbr: Was wäre Ihre Wunschliste für die Zukunft der betrieblichen Altersversorgung?

TS: Zu meinen Wünschen würden zählen: weitere steuerliche Erleichterungen und eine gesetzliche Flankierung des Opting-Out-Ansatzes. Kein Obligatorium, also weiterhin freie Wahlmöglichkeiten für die Unternehmen und keinen sechsten Durchführungsweg. Die Portabilität von Versorgungsanwartschaften sollte verbessert werden, da viele Arbeitnehmer nicht mehr ihr gesamtes Berufsleben bei einem Arbeitgeber verbringen. Es sollte daher ein gesetzlicher Rahmen geschaffen werden, der es Arbeitnehmern unabhängig vom Durchführungsweg ermöglicht, ihr aufgebautes Versorgungskonto auf den neuen Arbeitgeber zu übertragen.

 

dbr: Zum Abschluss noch einmal die Frage: Was sind die ersten Schritte, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen, um sich dem Thema bAV zu nähern? Was sollte man als erstes tun?

CH: Zuerst einmal sollte man in sich gehen und sich überlegen, welche Hauptzielsetzung man verfolgen möchte: Was will ich? Welche Möglichkeiten habe ich?

Es muss letztendlich gar nicht so komplex sein, wie es immer scheint.

 

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