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bAV-Diskussion: Opting-Out–Echte Lösung oder nur Vertriebsturbo für die Assekuranz?

Eingestellt: 10. Juni 2015 um 17:57   /   durch   /   Kommentare (0)

Am gestrigen Dienstag, den 9.6.15, lud der Gesamtverband der deutschen Versicherer, kurz GDV, zum Pressegespräch nach Berlin. Das kernige Motto des  Tages lautete: „Raus aus der Stagnation bei der Altersvorsorge.“ Zu erwarten waren also Lösungsvorschläge zur aktuellen und voraussichtlich auch zukünftigen Misere in der Ruhestandsversorgung. Ein Thema, welches drängt und das nicht zuletzt Kernthema der Initiative Deutsche Betriebsrente ist.

Es ist höchste Zeit zum Handeln

Die Mehrheit der Deutschen erwartet, dass sie sich im Alter einschränken muss. Trotzdem ist die Bereitschaft, für das Alter vorzusorgen, unverändert niedrig. Nur 26 Prozent der Bundesbürger sind bereit, „einiges“ für ihre Altersvorsorge auszugeben. 2001 waren es noch 45 Prozent. Das zeigt eine repräsentative Allensbach-Umfrage die der GDV zur gleichen Zeit vorstellte.

Dass die betriebliche Altersvorsorge hier eine zentrale Rolle spielen muss, darin seien sich alle Akteure weitgehend einig, allein das Wie sei derzeit durchaus strittig, so die Anwesenden. Grund genug für uns die Diskussion zum Thema auch hier zu eröffnen. Uns interessiert Ihre Meinung zum Thema: Wie kann die Verbreitung der betrieblichen Altersvorsorge am besten gefördert werden?

Der Status quo zeigt in jedem Fall akuten Handlungsbedarf. So stagniert die Verbreitung der bAV seit 2009 bei knapp unter 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Bürger, das sind circa 17,8 Millionen Menschen. Zu wenig, wenn man bedenkt, dass ganze Branchen und ein Großteil der KMU-Beschäftigten kaum versorgt sind. Und der Vorsorgebedarf steigt, dank steigender Lebenserwartung und aufgrund sinkender Zinsniveaus und chronisch leerer Sozialkassen.

Die Nahes-Rente aka Tarifrente als Lösung?

„Die betriebliche Altersversorgung in Deutschland ist heute schon zu komplex. Das ist ein wesentlicher Grund, warum ihre Verbreitung vor allem in kleinen und mittelständischen Unternehmen stockt“, erläuterte Frank-Henning Florian, Vorsitzender des Sozialpolitischen Ausschusses des GDV und Vorstandsvorsitzender der R+V Lebensversicherung AG.

In dem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) vorgeschlagenen Tariffonds („Neues Sozialpartnermodell Betriebsrente“) sieht er deshalb nicht das Potential, um die Verbreitung der bAV anzustoßen. „Ein solcher sechster Durchführungsweg würde die betriebliche Altersversorgung noch komplexer machen, bestehende Versorgungswerke beschädigen und viele kleine und mittlere Unternehmen gar nicht erst erreichen. Was wir brauchen, sind einfachere Regeln und Verfahren für die Betriebe und attraktivere Bedingungen für die Beschäftigten“, sagt Florian.

Die Lösung, die der Lobbyverband der Assekuranz vorzieht, dürfte Beobachter kaum überraschen, aber dennoch weiterhin für heftige Diskussion sorgen: Das so genannte Opting-Out-Modell. Hierbei würden Arbeitnehmer automatisch mit dem Arbeitsvertrag eine Betriebsrentenversorung erhalten, mit der Option, diese durch aktives Bekunden auch weiterhin auszuschlagen. Was die einen als weiteres Geschenk der Politik an die Versicherungsindustrie bezeichnen – nach ähnlichen Geschenken im Bereich der privaten Vorsorge und Pflege – ist für die Interessenvertreter des GDV eine einfache und logische Lösung der anstehenden Probleme.

„Die Einführung eines freiwilligen Opting-Out würde einen echten Impuls für mehr bAV geben. Beim Opting-Out würde im Arbeitsvertrag eine automatische Gehaltsumwandlung zum Betriebsrentenaufbau verankert werden. Arbeitnehmer müssten sich dann aktiv gegen eine betriebliche Altersvorsorge entscheiden. In anderen Ländern, etwa den USA oder Großbritannien, konnten die Beteiligungsquoten in der bAV dadurch spürbar erhöht werden.“, so das offizielle Statement des Verbandes. Vor allem die „Aufschieberitis“ könne damit wirksam geheilt werden, an der die Vorsorge derzeit kranke. Dass es bei einer immer größeren Zahl von arbeitenden Menschen kaum finanziellen Spielraum gibt, addiert jedoch sicher auch seinen Teil zum Problem dazu.

Weiteren Verbesserungsbedarf haben die Experten des Versicherungslagers in der generellen Steigerung der Attraktivität der bAV ausgemacht: „Um die bAV für Beschäftigte attraktiver zu machen, sollte die Belastung der bAV-Leistungen mit Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen gesenkt werden. Aktuell müssen auf die Betriebsrenten dauerhaft Krankenkassen- und Pflegeversicherungsbeiträge gezahlt werden. Angesetzt wird dabei der volle Beitragssatz. Das bedeutet für Betriebsrentner eine Leistungskürzung von rund 20 Prozent. Die heutige steuerliche Förderung in der bAV geht zudem an Arbeitnehmern mit geringen Einkommen oft vorbei. Ein einfaches Zuschussmodell für die betriebliche Altersversorgung würde diese Einkommensgruppe gezielter erreichen. Denkbar wäre zum Beispiel auch ein pauschaler steuerlicher Zuschuss an den Arbeitgeber, um den Aufbau einer bAV für Geringverdiener besonders zu fördern.“

Alles in allem sendet die Versicherungsbranche mit den vorgebrachten, nicht ganz neuen Ideen ein erneutes kräftiges Signal an die Politik und läuft sich damit warm für die heiße Phase, der von Ministerin Nahles für die zweite Jahreshälfte avisierten Diskussionsrunden zum Thema bAV ein.

Wir würden uns freuen, wenn Sie dies mit uns ebenfalls tun würden und laden deshalb hiermit zur Kommentierung und Diskussion in unserem Magazin ein.

Was meinen Sie?

Ist der Ansatz eines Tarifrentenmodells eine sinnvolle Idee? Profitieren die Arbeitnehmer von einem Opting-Out oder droht hier nur ein erneutes Geschenk für die Assekuranzkonzerne und Vermittler?

Wo liegt Ihrer Meinung nach das eigentliche Problem – warum wird die bAV vor allem bei KMU kaum angenommen?

Welche Verantwortung hat aus Ihrer Sicht der Unternehmer?

Wir sind gespannt auf Ihre Beiträge, Fragen und Ideen.

 

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