bAV in Unternehmen

Betriebliche Altersversorgung in kleinen und mittleren Unternehmen

Eingestellt: 29. Mai 2015 um 11:52   /   durch   /   Kommentare (0)

Die Verbreitung von betrieblicher Altersversorgung stagniert, vor allem im Mittelstand. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Leipzig stellt deshalb wichtige Fragen zur Bedeutung der bAV in den kleinen und mittleren Unternehmen, in der Ergebnispräsentation fokussiert der Auftraggeber R+V Versicherung aber zu stark auf positive Aspekte des Opting-Out Modells.

Für den „bAV-Kompass Mittelstand“ wurden bundesweit 48 Interviews von Juli 2014 bis März 2015 durchgeführt. Dabei wurde nach dem Stellenwert von Sozialleistungen allgemein im Mittelstand sowie speziell der bAV, dem Status Quo der bAV und nach möglichen Hemmnissen der bAV gefragt.

bAV ist mehr als gesetzliche Pflicht

Ganz allgemein bescheinigten über 60 Prozent der befragten Unternehmensvertreter Sozialleistungen einen hohen Stellenwert, zum Beispiel für die Rekrutierung von Führungskräften. Die überwiegende Mehrheit (72%) der Unternehmen beschreibt Sozialleistungen als wichtig für die Attraktivität als Arbeitgeber. Unter anderem auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung werde dies in Zukunft an Bedeutung gewinnen.

Dass die bAV die am häufigsten angebotene Sozialleistung ist (98%), verwundert nicht, mit Blick auf den seit 2002 bestehenden Rechtsanspruch. 85 Prozent stimmen der Aussage zu, dass mit dem Angebot von bAV Lösungen das Ziel verfolgt wird, den Rechtsanspruch der Mitarbeiter auf Entgeltumwandlung zu erfüllen.

Interessant ist aber auch die Aussage, dass die bAV, nach flexiblen Arbeitszeiten, an zweiter Stelle der spezifischen Leistungen genannt wird, die die Attraktivität als Arbeitgeber steigern. Schwierig ist in diesem Zusammenhang allerdings die Kommunikation insbesondere zu jungen Mitarbeitern, die sich zu wenig mit dem Thema auseinandersetzen und sehr unsicher agieren.

Betriebliche Altersvorsorge ist mehr als die Erfüllung einer gesetzlichen Pflicht. Das belegen auch die weiteren Aussagen in Bezug auf die Zielsetzungen der bAV im jeweiligen Unternehmen. 85 Prozent nennen als Ausgangspunkt die soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern, also genauso viele, wie bei der Erfüllung der gesetzlichen Pflicht. Mitarbeiterbindung steht dem mit 74 Prozent positiver Bewertung nicht viel nach.

Status Quo: Ausbaufähig besonders bei Geringverdienern

59 Prozent der Befragten bemessen der bAV im eigenen Unternehmen eine große Bedeutung bei. Bei der tatsächlichen Inanspruchnahme durch die Arbeitnehmer bestehen allerdings noch große Potentiale. Bei 30 Prozent der Unternehmen nutzen weniger als 20 Prozent der Arbeitnehmer das Angebot einer bAV, bei weiteren 23 Prozent sind es gerade mal zwischen 20 und 40 Prozent.

In der Einzelbetrachtung sind es besonders Arbeitnehmer in atypischen Arbeitsverhältnissen (z.B. Teilzeitbeschäftigte), eher jüngere Altersgruppen und geringere Einkommensklassen, die den geringsten Durchdringungsgrad bei der bAV aufweisen. Gerade die Gruppe der unter 30-jährigen ist mit nur 12 Prozent im Mittelstand stark unterrepräsentiert. „Dabei sind sie es, die den demografischen Wandel und seine finanziellen Folgen für die Altersversorgung besonders hart zu spüren bekommen werden“, so Studienleiter Prof. Dr. Fred Wagner. Ein ähnliches Bild bietet sich auch beim Einkommen: Beschäftigte mit eher geringen Jahreseinkommen unter 25.000 Euro machen nur 11 Prozent aller bAV-Nutzer aus.

Optionen und Anreize, die den Durchdringungsgrad erhöhen sollen, müssen auch Lösungen für diese genannten unterrepräsentierten Gruppierungen im Blick haben.

Die bAV ist in den befragten Unternehmen vorwiegend arbeitnehmerfinanziert. Zwar geben 62 Prozent an, dass es sich um eine Mischform aus Arbeitnehmer- und Arbeitgeberfinanzierung handelt, doch bei 85 Prozent dieser Finanzierungsform überwiegt der Anteil der Arbeitnehmer deutlich. Beschäftigten mit niedrigen Einkommen fehlt oftmals das Geld für eine bAV. Durch einen Arbeitgeberzuschuss, beispielsweise in Höhe der gesparten Lohnnebenkosten, würde das Modell weiter an Attraktivität gewinnen. Immerhin 28 Prozent geben an, dass die bAV arbeitgeberfinanziert ist.

Haftung nicht so bedeutend – Unterstützung durch externe Spezialisten gefragt

Interessant bei der Frage nach möglichen Hemmnissen ist, dass die oftmals genannte Haftung des Arbeitgebers in dieser Untersuchung nur eine untergeordnete Rolle spielt; weniger als ein Fünftel der Unternehmen sieht diese als Hürde an. Auch andere regulatorische Hemmnisse, wie unübersichtliche steuerliche Regelungen, unsichere Rechtsprechung, Vielfalt der Durchführungswege oder auch der Einfluss der EU, waren ebenfalls eher für eine Minderheit relevant (weniger als ein Drittel und geringer).

Als Gründe, warum die bAV-Quote seit Jahren stagniert, werden vor allem begrenzte Budgets der Arbeitnehmer, aber auch ein mangelnder Wissenstand über die Vorteile der bAV und das Gefühl, dass bAV kompliziert ist, genannt. „Gerade im Mittelstand besteht akuter Handlungsbedarf“, so Frank Henning Florian, Vorstandsvorsitzender der R+V Lebensversicherung AG. „Vor allem bei den Mitarbeitern muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Die befragten Unternehmen setzen bei der Information der Arbeitnehmer vor allem auf die Ansprache und Beratung durch externe bAV Verantwortliche (über 80 Prozent). Spezialisierten bAV Beratern wird mit Abstand von den meisten Unternehmen (85%) die höchste Beratungskompetenz zugeschrieben.

Interne Ansprachen, z.B. durch eigene bAV Verantwortliche oder Vorgesetzte kommen dagegen jeweils nur in rund der Hälfte der Unternehmen zur Anwendung – eine geringe Zahl, wenn man sie den 89 Prozent gegenüberstellt, die die Rolle des Arbeitgebers bei der Aufklärung der Mitarbeiter über die bAV als sehr wichtig (60%) bzw. eher wichtig beschreiben (29%).

Zu guter Letzt: die Frage nach dem Opting-Out

In der Präsentation der Ergebnisse durch den Auftraggeber R+V werden die Antworten zur Frage nach der Einschätzung des Erfolgs einer Opting-Out Lösung vorangestellt. Und so ist der Pressemeldung auch folgendes Zitat von Frank-Hering Florian zu entnehmen: „Wir als Versicherer wünschen uns daher von der deutschen Politik einen rechtlichen Rahmen, der insbesondere den kleinen und mittleren Unternehmen Sicherheit gibt, ein Opting-Out-Modell einzuführen. Dies könnte der betrieblichen Altersversorgung einen neuen Schub verleihen. Die Versicherungsunternehmen stehen dafür der Wirtschaft und der Politik als Partner bereit.“

72 Prozent der Befragten äußerten die Meinung, dass ein Opting-Out Modell geeignet ist, eine höhere Durchdringung der bAV zu erreichen. Zumindest im Vergleich zu den Alternativen Active-Choise-Modell (44%) und Opting-in-Modell (15%). So wurde an dieser Stelle die entsprechende Frage gestellt.
Die Meinungen zum Thema Opting-Out sind aber alles andere als einheitlich und positiv.

In einem anderen Kapitel beurteilten nur 34 Prozent die Möglichkeiten des Opting-out in der bAV als positiv bzw. wichtig. Generell befürworten würden 35 Prozent die Einführung eines Opting-Out Modells, speziell für Neueinstellungen sind dies 37 Prozent und für bestehende Arbeitsverhältnisse nur noch 20 Prozent.

Differenziert nach Beschäftigungsart, Altersgruppen und Einkommensklassen zeigt sich, dass insbesondere in den Gruppen mit geringer Durchdringung die Erfolgsaussichten durch Opting-Out ebenfalls nicht besonders positiv bewertet werden. Also gerade da, wo das größte Potential zur Steigerung wäre.

Positive Aspekte wie dem wichtigen Beitrag zum Erhalt des Lebensstandards, der Förderung der Auseinandersetzung mit dem Thema bAV und der Erleichterung des Abschlusses, dem die Mehrheit der Unternehmen zustimmt, stehen Bedenken wie z.B. ein negativer Entscheidungsdruck für Arbeitnehmer entgegen.

Und so wundert es nicht, dass erhoffte positive Effekte durch eine Einführung eines Opting-out-Modells, wie wirtschaftliche Vorteile (25%), Verbesserung des Unternehmensimages (15%), Erhöhung der Arbeitgeberattraktivität (13%), Senkung des administrativen Aufwands (10%), Erhöhung der Mitarbeiterbindung (13%) oder die Erhöhung der Mitarbeitermotivation (6%) von der Mehrheit der befragten Unternehmen eher bezweifelt werden.

 

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