Kolumne Gisbert Schadek

„Was ist eine echte Betriebsrente?“

Eingestellt: 31. Dezember 2014 um 09:00   /   durch   /   Kommentare (0)

Der Versorgungsverband deutscher Wirtschaftsorganisationen (VdW) ist der Initiator der Arbeitgeberinitiative „Deutsche Betriebsrente“. Der VdW ist bereits seit 1924 im Themenfeld betriebliche Altersvorsorge aktiv und entwickelte sich seither zum professionellen bAV-Komplettanbieter. Über die Hintergründe und Motivation zum Start der Initiative „Deutsche Betriebsrente (dbr)“ sprach das DBR-Webmagazin mit dem ersten Geschäftsführer des Versorgungsverbandes und Vorstand des Deutsche Betriebsrente Datentreuhand e.V. Gisbert Schadek.

dbr: Sie verwenden bei der Initiative Deutsche Betriebsrente statt betriebliche Altersvorsorge (bAV) den Begriff Betriebsrente. Wo sehen Sie hier die Abgrenzung?

Schadek: Der Begriff Betriebsrente soll deutlich machen, dass es sich hierbei um eine strategische Maßnahme handelt, die Kultur und Werte eines Unternehmens ausdrückt. Arbeitgeber übernehmen aktiv Verantwortung und gehen damit einen wichtigen Schritt bei der Mitarbeiterbindung und Fachkräftegewinnung.

Dadurch, dass die Arbeitgeber über Jahrzehnte das Thema dem Gesetzgeber, Behörden und Finanzdienstleistern überlassen haben, ist betriebliche Altersvorsorge in erster Linie zu einem „Produkt“ mutiert, das hauptsächlich für die Produktanbieter effizient ausgestaltet ist. Wir wollen weg von der damit verbundenen technokratischen Sicht, die hauptsächlich Fragen der Finanzierung von Risikovermeidung beleuchtet.

Mittelständische Betriebe kommen ihrer gesetzlichen Pflicht vorwiegend dadurch nach, dass sie Direktversicherungen durchreichen. Viele Arbeitgeber bevorzugen solche Versicherungsprodukte mit geringem Verwaltungsaufwand. Die Effizienz spielt für die Arbeitgeber hingegen keine Rolle.

Das heißt allerdings nicht, dass der Arbeitgeber alle Kosten und Risiken tragen muss oder sollte. Eine gute Betriebsrente schafft es, im Spannungsfeld zwischen Enthaftung, Risiko und Kosten einen individuellen, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sinnvollen und effektiven Weg zu finden.

dbr: Wie muss man vor diesem Hintergrund die Gedanken bewerten, dass das Angebot und die Teilnahme an einer betrieblichen Altersvorsorge über eine Opting-Out Lösung verpflichtend gemacht werden soll?

Schadek: Wenn der Kern einer effektiven Betriebsrente die Individualität ist, damit ein Betrieb und seine Mitarbeiter das Optimale herausholen können, dann ist bei einer generellen Opting-Out-Variante die Gefahr sehr groß, dass es genau zum Gegenteil kommt, nämlich zu zentralistischen und pauschalisierten Lösungen, die am Ende uneffektiv und ineffizient sind. Deshalb sind wir eher skeptisch, ob sich mit einer solchen Lösung die Herausforderungen in der betrieblichen Altersvorsorge lösen lassen.

dbr: Welche Chancen lassen Arbeitgeber aus Ihrer Sicht ungenutzt, wenn sie die Betriebsrente nicht konsequent als strategisches Mittel nutzen?

Schadek: Unternehmen, die eine „echte“, attraktive Betriebsrente anbieten, werden im Wettbewerb um die Fachkräfte von morgen punkten. Unternehmer können hier sichtbar gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und damit auch bei Kunden ihr positives Image stärken.

Charakteristisch für eine echte Betriebsrente ist, dass der Arbeitgeber mindestens die Verwaltungskosten und kalkulierbare Risiken übernimmt. Je mehr sich der Arbeitgeber im Rahmen der betrieblichen Altersvorsorge engagiert, desto attraktiver wird das Vorsorgeangebot für die Mitarbeiter

Das gilt umso mehr bei den heute üblichen beitragsorientieren Modellen. Wer hier spät anfängt, wird keine ausreichende Versorgung sicherstellen können. Das Verzögern einer effizienten Lösung wird hier doppelt bestraft und lässt sich kaum aufholen.

Der Arbeitgeber, der betriebliche Altersvorsorge als Personalbindungs- und
Imagebildungsinstrument gegenüber seinen Kunden versteht, kann und wird nicht erwarten, dass ein dementsprechendes Betriebsrentenmodell zum Nulltarif zu haben ist.

Wenn der Arbeitgeber nicht bereit ist, in zumutbarem Maße Zins- oder Finanzierungsrisiken zu tragen, braucht er über eine Betriebsrente gar nicht nachzudenken. Es wäre ein Trugschluss anzunehmen, dass der Kapitalmarkt die Risiken trägt, ohne sich das bezahlen zu lassen.

dbr: Was sind derzeit die größten Herausforderungen bei der Förderung der betrieblichen Altersversorgung im Mittelstand?

Schadek: Da haben wir, wie bereits angedeutet, im ersten Schritt eine große kommunikative Herausforderung, da der Begriff bAV negativ besetzt ist. Hier muss man den Sachverhalt erst einmal richtig benennen, was wir mit der Betriebsrente aus meiner Sicht tun.

Außerdem haben wir es mit ganz realen betriebswirtschaftlichen Fragen zu tun, nämlich wie viel Vorsorge und Fürsorge sich ein mittelständischer Betrieb leisten kann. Dabei geht es auch um die Aufwände in der Verwaltung und Abwicklung.

Hier können sich vor allem kleinere Unternehmen professionelle eigene Strukturen kaum leisten. Diesen Betrieben muss man Angebote machen, wie sie Administration und Bewirtschaftungsrisiken verringern oder auslagern können, ohne dass dies den Interessen der Arbeitnehmer  und Arbeitgeber zuwiderläuft.

Da darf es nicht um Produktverkauf gehen, sondern allein um Effizienzoptimierung. Dazu muss aber auch klar gemacht werden, dass es sich um eine betriebswirtschaftliche Investition handelt und nicht um eine lästige Sozialkostenübernahme.

Mit betrieblicher Altersvorsorge erzielt man keine Renditen. Sie ist auch nicht kostenneutral. Sie kostet den Arbeitgeber etwas, aber er bekommt ja auch etwas dafür, beispielsweise die Aufwertung seiner Arbeitgebermarke.

dbr: Wie sieht vor diesem Hintergrund ganz praktisch die effizienteste Lösung für die Unternehmen und Mitarbeiter aus?

Schadek: Eine Lösung ist dann effizient, wenn diese auf die Wertschätzung der Mitarbeiter trifft. Sie muss also die Mitarbeiter frühzeitig einbeziehen, mitnehmen und für sie transparent sein. Darüber hinaus muss sie den Zielen des Arbeitgebers dienen.

Zum anderen sind effiziente Betriebsabläufe erforderlich. Je weniger diese kosten, desto rentabler ist eine Betriebsrente. Wir sprechen hier von Vertriebskosten, Administrationskosten, Kommunikationskosten, Kosten bei der Geldbewirtschaftung und Auszahlung, Aufwände für die Bilanzierung, Absicherung von biometrischen Risiken und so weiter. Diese Einzelprozesse müssen in einen integrierten Workflow gebracht werden.

Im Zeitalter der Digitalisierung von Prozessen ist es aus meiner Sicht anachronistisch, wenn in Form der derzeit diskutierten Branchenlösungen mit großem Overhead für jede Branche oder Region eigene Versorgungswerke aufgesetzt werden.

So wie heute nicht mehr jedes Unternehmen eigene Rechner betreibt, sondern sich virtuelle Maschinen in einem Rechenzentrum einrichten lässt, so kann sich heute ein Unternehmer ein eigenes virtuelles Versorgungswerk einrichten lassen.

dbr: Herr Schadek, vielen Dank für das Gespräch.

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